Studies in the Scriptures

Tabernacle Shadows

 The PhotoDrama of Creation

 

 

SCRIPTURE STUDIES

VOLUME SIX - THE NEW CREATION

 

 STUDY V

Die Organisation der Neuen Schöpfung.

Die „lebendigen Steine“ für den geistigen Tempel. Die angebliche und wirkliche Neue Schöpfung. Das „Geheimnis Gottes“ und das „Geheimnis der Bosheit.“ Die Organisation des Antichristen. Die Schrift ist zuverlässig. Freiheit der Welt und der Namenchristenheit. Ordnung in die Verwirrung. „Alles zu seiner Zeit.“ Die Enden der Zeitalter. - Der vom Vater gepflanzte Weinstock. Die „zwölf Apostel des Lammes.“ Paulus, der Nachfolger Judas. Die Beschränkung auf zwölf Apostel. Der den Aposteln gegebene Auftrag. Die Charakterstärke der Apostel. Paulus den Elfen gleichgestellt. Die Inspiration der Zwölf. Die göttliche Überwaltung ihrer Schriften. „Auf diesen Felsen will ich meine Versammlung bauen.“ Übereinstimmung der Evangelien. Die Schlüssel der Autorität. Die Unfehlbarkeit der Apostel. „Einer ist euer Meister.“ Die wahre Kirche und die „Herde Gottes.“ Apostel, Propheten, Evangelisten, Lehrer. Die Vollständigkeit der vom Herrn der Herauswahl gegebenen Organisation. Er ist selbst ihr Oberhaupt. Das Aufhören der Gaben des Geistes, als sie nicht mehr notwendig waren. Einheit des „einst den Heiligen überlieferten Glaubens.“ Einheit der Macht des Antichristen. Bischöfe, Älteste, Diakone (Diener). Was bedeutet „Prophet“? Die Notwendigkeit der Demut bei den Ältesten. Andere Anforderungen an sie. Die Diener. Die Lehrer in der Herauswahl. Viele sollen fähig sein zu lehren. „Seid nicht viele Lehrer, meine Brüder.“ „Ihr bedürfet nicht, dass euch jemand belehre.“ Der Lernende und der Lehrer. Die Frau in der Versammlung. - Ihr Mitwirken. „Lass sie sich bedecken.“

Wie die Neue Schöpfung ihre Vollkommenheit oder Vollendung nicht vor der ersten Auferstehung erreichen wird, so wird auch ihre Organisation erst dann vollkommen sein. Das Tempelvorbild stellt dies dar, wie der Apostel erklärt (1. Petr. 2:5): Wir kommen zu Jesu, der, als des Vaters Stellvertreter, uns für unsere Plätze in dem herrlichen Tempel der Zukunft behaut, bemeißelt, zubereitet und poliert, wo selbst Gott und die Welt einander wieder werden begegnen können. Wie bei dem vorbildlichen Tempel, der von Salomo erbaut wurde, jeder Stein schon im Steinbruch am Hermon für seinen Platz im Tempelbau fertig zu behauen wurde, so wird auch im Gegenbild das Behauen allein im gegenwärtigen Leben besorgt. Wie im Vorbild jeder Stein an seinen Platz kam, ohne dass ein Hammerschlag ertönte, so werden sich im Gegenbild die lebendigen Steine, die sich jetzt freudig der Zubereitung durch den Herrn fügen, alle unter ihm als dem Eckstein in bester Ordnung zusammenfinden, wenn sie durch den Vorhang gegangen sind, ohne weiterer Zubereitung zu bedürfen.

Dennoch erkennt die Schrift eine Einheit, bestimmte Beziehungen dieser lebendigen Bausteine während der Periode ihrer Zubereitung, an. Ja, sie geht noch einen Schritt weiter und erkennt eine vorübergehende Organisation an, die jedem voraussichtlichen Glied des Königreiches die Möglichkeit verschafft, mit dem großen Lehrer und Baumeister an dessen Vorbereitungswerk Anteil zu haben, indem wir „einander auferbauen in unserem allerheiligsten Glauben“, einander in der Ausbildung des Charakters nach dem Vorbild unseres Herrn Jesu helfen.

Wenn wir an eine Untersuchung der göttlichen Anordnungen für die gegenwärtige Zeit herantreten, so dürfte es manchen verwundern zu entdecken, wie viel Freiheit der Herr jedem einzelnen Glied der Neuen Schöpfung gelassen hat; wenn wir uns aber daran erinnern, dass er freiwillige Anbeter, freiwillige Opferer sucht, die durch ihre Liebe zum Herrn und seiner Gerechtigkeit getrieben werden, ihr Leben in den Dienst der Brüder zu stellen, seine Mitarbeiter zu werden, dann wird klar, dass die Methode Gottes, die die größte Freiheit lässt, die beste ist, dass sie die Aufrichtigkeit unserer Liebe und Treue am sichersten prüft, den Charakter am völligsten entwickelt und unsere Bereitwilligkeit, gegenseitig Liebe zu üben und jeder dem anderen das zu tun, was er von ihm erfahren möchte, am sichersten erweist.

Solche Freiheit ist dem vom Herrn in dieser Zeit verfolgten Zweck, eine kleine Herde auszuwählen, ihren Charakter auszubilden, durchaus angepasst. Dagegen wäre die Methode total verkehrt und unzureichend, wenn sie, wie allgemein angenommen wird, die Bekehrung der Welt bezweckte. Gerade weil fast allgemein angenommen wird, Gott habe die Kirche mit der Eroberung der Welt und Unterwerfung aller Dinge unter sich in diesem Zeitalter beauftragt, haben sich viele sonst ganz vernünftige, urteilsfähige Leute über die Einfachheit der vom Herrn und den Aposteln geschaffenen kirchlichen Organisation gewundert. In der durchaus richtigen Erkenntnis, dass mit einer solchen Organisation die Welt nicht bekehrt werden könne, sind die Organisationen geschaffen worden, die in den verschiedenen Namenkirchen der Christenheit in Erscheinung treten. Die vollendetste und machtvollste unter diesen Organisationen ist die Papstkirche. Auch die bischöfliche Methodistenkirche ist eine meisterhafte Organisation und steht auf höherer Stufe; sie beherrscht eine andere Klasse von Menschen. Die Vervollkommnung ihrer Organisation hat diesen beiden Kirchen ihren großen Erfolg und ihre große Macht in der „christlichen Welt“ verschafft. Wir werden im Laufe unserer Untersuchung sehen, dass diese, wie alle menschlichen „Kirchen“, ganz anders organisiert sind als die vom Herrn eingesetzte Herauswahl. Ihre Wege sind so wenig seine Wege, wie ihre Absichten seine Absichten sind, denn soviel höher der Himmel ist als die Erde, soviel höher sind auch des Herrn Wege und Absichten als die der Menschen. (Jes. 55:8, 9) Binnen kurzem werden die Aufrichtigen unter ihnen erkennen, wie weit sie abgeirrt sind, als sie die Einfachheit Christi verließen und versuchten, in der Ausführung seines Werkes weiter zu sein als Gott. Das Ergebnis wird zeigen, dass der Mensch unweise und Gott weise war.

Die angebliche und die wirkliche Neue Schöpfung

Wie im Vorbild alle Nachkommen Jakobs Israeliten waren, aber wenige nur „wahre Israeliten“, so dürfen wir uns auch nicht verwundern, im Gegenbild neben der wahren eine angebliche Kirche oder Neue Schöpfung zu finden. Von dem Augenblick an, wo das „Christentum“ volkstümlich wurde, drang der Scheinweizen in das Weizenfeld und gab sich für Weizen aus. Wie schwer es auch für den Menschen, der die Herzen nicht kennt, sein mag, das Wahre vom Falschen, den Weizen vom Scheinweizen zu unterscheiden, so versichert uns doch der Herr, dass er die Herzen, dass er die Seinen kennt. Von uns erwartet er freilich, dass wir wahre Schafe von Wölfen in Schafskleidern, wahre fruchttragende Reben von Dornen und Disteln, die sich für Reben ausgeben mögen, unterscheiden können. Aber weiterzugehen als diese Unterscheidung des zutage tretenden Charakters gestattet der Herr den Seinen nicht; er ermahnt sie vielmehr: „Richtet nicht etwas vor der Zeit.“ Wir sollten nicht zu bestimmen versuchen, wie viel Zeit der oder jener, in dem wir eine wahre Rebe am wahren Weinstocke erkennen, bis zum Hervorbringen reifer Früchte brauchen werde. Wir müssen dies dem Vater, dem Weingärtner überlassen, der jede Rebe reinigt und schließlich die wegschneidet, die keine Frucht bringen. Lassen wir also den Herrn die Zurechtweisung aller wahrhaft geweihten Glieder der Herauswahl, und wenn nötig, den Ausschluss des einen oder anderen besorgen, indem wir erkennen, dass er es ist, der gepflanzt und bewässert und die Reben am wahren Weinstock zum Sprossen gebracht hat. Der Geist des Weinstockes muss in jeder Rebe erkennbar sein, und jede Rebe sollte in ihrem Wachstum gefördert und ermutigt werden. Dies geschieht, wenn Liebe die Beziehungen unter den einzelnen Reben regelt. Nur soweit ein Wort Gottes besteht, kein Strichlein weiter, hat eine Rebe das Recht, eine andere Rebe zu beurteilen, zu tadeln, zu reinigen oder irgendwie zu maßregeln. Der Geist der Liebe sollte uns vielmehr zu Erbarmen, Gütigkeit, Langmut und Geduld antreiben, und zwar bis an die Grenzlinien, die vom himmlischen Vater recht weit gezogen sind, damit eine jede Rebe Raum habe, sich recht zu entwickeln.

Je weiter sich nun menschliche Organisationen von diesem einfachen Merkmal entfernt haben, um so mehr sind sie auch von der wahren Kirche verschieden. Sie haben willkürliche Regeln aufgestellt, nach denen die Glieder oder Reben am Weinstock erkannt und als Glieder anerkannt werden sollen. Sie haben Steuern auferlegt und verschiedene Vorschriften erlassen, von denen die Schrift nichts weiß. Sie haben Glaubensbekenntnisse verfasst, wie sie in der Schrift nicht zu finden sind. Sie haben Strafen auf Abweichungen von diesen Bekenntnissen gesetzt, von denen die Schrift nichts sagt. Sie haben den Ausschluss von Mitgliedern in einer Weise geregelt, die zu dem, was der wahren Kirche, dem Leib Christi, dem wahren Weinstock, der Neuen Schöpfung, gestattet ist, im schärfsten Gegensatz steht.

Wir haben schon (Band 1, Kapitel 5) darauf hingewiesen, dass die Herauswahl Christi in der Schrift das „Geheimnis Gottes“ genannt wird, weil, im Gegensatz zu der allgemeinen Erwartung, die Herauswahl die messianische Körperschaft sein wird, die unter Jesu, ihrem Haupt, die Welt beherrschen und segnen soll. Dieses jetzt den Heiligen enthüllte Geheimnis ist in den vergangenen Zeitaltern und Welten verborgen gehalten worden (Eph. 3:3-6) und liegt, wenn es jetzt in kurzem vollendet sein wird, in der Vollendung der Neuen Schöpfung am Ende des Evangeliums-Zeitalters. Wir haben ferner darauf aufmerksam gemacht, dass die Schrift „Babylon“ als Täuschungssystem bezeichnet (Babylon - Mutter und Töchter, deren einige nicht ganz so verderbt sind wie das Muttersystem) und es das „Geheimnis der Bosheit“ nennt. Wir dürfen die Sache nicht so verstehen, dass die Gründer dieser Systeme bezweckten, das Volk Gottes zu verleiten, sondern müssen uns daran erinnern, dass die Schrift Satan selbst als den Betrüger der ganzen Welt bezeichnet, indem er gut als böse, böse als gut, Licht als Dunkel, Dunkel als Licht darstellte. Satan „wirkt jetzt in den Söhnen des Ungehorsams“ (Jes. 5:20; Eph. 2:2), wie er Jesu seine Mitwirkung anbot. Es ist seine Lust, in allen Nachfolgern Christi, die er davon abbringen kann, in den Fußstapfen des Meisters zu wandeln, zu wirken. Wie er unseren Herrn zu überzeugen suchte, es gebe bessere Wege - Wege, die weniger Selbstverleugnung erfordern als die des Vaters, um alle Geschlechter auf Erden zu segnen, so ging er auch das ganze Evangeliums-Zeitalter hindurch darauf aus, die Gottgeweihten zu überreden, es mit seinen Methoden zu versuchen, statt genau auf des Vaters Plan und Methoden zu achten. Er möchte die Kinder Gottes dazu verleiten, weiser von sich zu denken, damit sie meinen, dem Herrn auf anderen als den in der Schrift angegebenen Wegen besser dienen zu können. Er möchte sie mit Eifer für ihre menschlichen Systeme, die Werke, die sie tun, und die von ihnen ins Leben gerufenen Organisationen erfüllen und sie stolz darauf machen. Bei dem Meister hatte der Widersacher keinen Erfolg, stets erhielt er die Antwort: „Es steht geschrieben.“ Anders ist es bei seinen Nachfolgern. Viele, viele gehen achtlos an dem vorbei, was geschrieben steht, an des Meisters Vorbild und Wort, an den Worten und dem Beispiele der Apostel, willens, für Gott einen Plan durchzuführen, von dem sie hoffen und glauben, er werde Gottes Wohlgefallen finden und zu seinem Lob und Preis ausschlagen.

Wie erstaunt über ihren Irrtum werden sie sein, wenn sie einmal das Reich so aufgerichtet sehen, wie Gott es von Anfang an beabsichtigte, und wenn sie erkennen werden, dass er die ganze Zeit hindurch nach seiner Weise an der Durchführung seines Planes gearbeitet hat! Alsdann werden sie entdecken, wie viel besser es ist, auf das acht zu haben, was Gott uns lehren will, als zu versuchen, den Herrn zu belehren, es sei besser, sein Werk doch nach einer Methode zu betreiben, die er nicht anerkennt. Aber der Erfolg, den solche menschlichen Methoden wie das Papsttum, der Methodismus u. a. haben, hilft dazu, „kräftige Irrtümer“ aus ihnen zu machen.

Der Herr hat dem Wachstum des Scheinweizens auf dem Weizenfeld während des Evangeliums-Zeitalters keine Hindernisse in den Weg gelegt. Er hat vielmehr sein Volk angewiesen zu erwarten, dass beides zusammen bis zur „Ernte“ am Ende des Zeitalters wachsen werde, wo er selbst gegenwärtig sein und die Trennung überwachen werde, den Weizen in seine Scheune (die verherrlichte Stellung) sammeln, und den Scheinweizen in Bündel binden lassen werde für die Zeit der großen Drangsal am Ende des Zeitalters, die die Bündel ihrer Scheinweizennatur, oder Scheines, als seien sie Neue Schöpfungen, berauben wird, ohne darum die einzelnen Menschen, die sie bilden, auf ewig zu vernichten. Viele von der Scheinweizen-Klasse sind in der Tat ehrenwerte, brave, wie die Welt zu sagen pflegt, „gute Leute.“ Auch unter den Heiden gibt es gute Menschen, wenn sie vielleicht dort auch weniger häufig anzutreffen sind als unter den Namenchristen, die von ihrer Berührung mit wahren Christen und der teilweisen Erkenntnis der göttlichen Gesinnung darin einen großen Segen und Vorteil vor den Heiden voraus haben.

Das „Geheimnis der Bosheit“ („Babylon“, Verwirrung, Namenchristentum) reicht nach des Apostels Erklärung mit seinen Anfängen in die Zeit des Apostel Paulus zurück; aber offenbar wirkte es nur schwach, solange die Apostel lebten und die Gläubigen vor falschen Lehrern, die der Widersacher im Geheimen benutzte, mittels verwerflicher Irrlehren den Glauben zu untergraben und die Gläubigen von den Hoffnungen, den Verheißungen und der Einfalt des Evangeliums abzubringen, warnen konnten. (2. Petr. 2:1) Der Apostel Paulus nennt unter denen, die die Werke der Ungerechtigkeit begannen, Hymenäus, Philetus und andere, die von der Wahrheit abgeirrt seien und den Glauben einiger zerstört hätten. (2. Tim. 2:17, 18) Von diesen Irrlehrern und ihren Irrtümern redete Paulus ferner zu den Ältesten in Ephesus, besonders betonend, dass nach seinem Tode „grimmige Wölfe, die der Herde nicht schonen“, aufkommen werden. (Apg. 20:29) Dies letztere stimmt besonders gut mit den Voraussagen des Herrn im Gleichnis (Matth. 13:25,39) überein. Unser Herr gibt deutlich zu verstehen, dass Irrlehrer und Irrlehren Mittel in der Hand des Widersachers sind, der den Scheinweizen unter den vom Herrn und seinen Aposteln gesäten Weizen streut. Seine Worte sind: „Während aber die Menschen (die besonderen Diener, die Apostel) schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut.“

Sicherlich dauerte es nicht lange, nachdem die Apostel entschlafen waren, bis der Geist des Ehrgeizes unter der Leitung des Widersachers Schritt für Schritt zu der Organisation führte, die schließlich in einem großen antichristlichen System - im Papsttum - gipfelte. Es entstand, wie in Band 2, Kapitel 9, gezeigt worden ist, nicht plötzlich, sondern sehr allmählich, schon vom 4. Jahrhundert an. Es gewann solche Macht, dass alle Berichte aus jener Zeit bis zur Reformation niemand als Christ gelten ließen, der sich nicht zu ihm bekannte. „Kirchen“ konnten neben der „alleinseligmachenden“ gar nicht existieren, oder höchstens im Geheimen; und wenn es bekannt geworden wäre, hätte sie der Bann getroffen. Hat es je Berichte über solche gegeben, so sind sie offenbar vernichtet worden. Es ist aber viel wahrscheinlicher, dass es solche Berichte nicht gab; denn wie es heute noch ist, wird es wohl auch zu jener Zeit gewesen sein, dass die im Lichte der Wahrheit Wandelnden so wenig zahlreich und so unbedeutend hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Stellung waren, dass niemand sie der Erwähnung wert erachtete neben dem großmächtigen System, dem sie zu entrinnen suchten, und das so rasch dem Gipfelpunkt seiner weltlichen und geistlichen Macht zusteuerte.

Seit der Reformation hat der Widersacher wiederum seine Schlauheit dadurch erwiesen, dass er jeden neuen Anlauf, zur Wahrheit zu gelangen, so zu lenken wusste, dass ein neuer Antichrist daraus entstand. So haben wir heute neben der ursprünglichen „Mutter der Huren“ auch zahlreiche „Töchter“. (Band 3)

Angesichts dieser Tatsachen wollen wir nach Berichten über die wahre Kirche nirgends anders forschen, als im Neuen Testament, wo sie uns sichtlich sehr rein erhalten worden sind. Wir wollen hier einige Beweisführungen anbringen, aus denen nicht nur die wirkliche Reinheit der neutestamentlichen Berichte, sondern auch die Tatsache hervorgeht, dass die vielen Systeme, die sich als vom Herrn und den Aposteln gegründet ausgeben, gänzlich verschieden sind von der Kirche, die diese tatsächlich gegründet haben, und über die uns im Neuen Testament Berichte erhalten sind.

1. Wenn die erste Kirche nach Art der päpstlichen oder heutigen Systeme organisiert worden wäre, so müssten die Berichte darüber ganz anders lauten, als die uns erhaltenen. Sie würden erzählen, wie unser Herr im Ornate dagesessen hätte wie ein Papst und die Apostel im Ornate vor ihm erschienen wären, wie die Kardinäle vor dem Papst. Wir würden strenge Weisungen hinsichtlich der Feier des Freitags durch Enthaltung von Fleischspeisen finden. Es würde uns erzählt werden, wie der Herr die Apostel oder diese die Volksmenge mit Weihwasser besprengten, oder wie sie das Kreuz schlugen. Maria, die Mutter unseres Herrn, wäre sicherlich nicht vergessen worden. Ein Bericht über ihre unbefleckte Empfängnis müsste vorhanden sein; sie wäre als „Mutter Gottes“ bezeichnet worden, und Jesus hätte sie in eine hervorragende Stellung eingesetzt, die Apostel angewiesen, sich ihrer bei ihrem Verkehr mit ihm als Mittelsperson zu bedienen. Wir fänden Anweisungen über Zeit, Art und Weise des Gebrauchs heiliger Kerzen, über Anrufung der Heiligen, über Feier der Messe; über die Anerkennung des Apostels Petrus als Papst seitens der übrigen Apostel, über deren Verbeugungen vor ihm, über die Messen des Apostels Petrus zugunsten der anderen Apostel; wir fänden einen Hinweis auf die Fähigkeit des Apostel Petrus, Jesu Leib in der Form von Brot und Wein neu zu erschaffen und für die persönlichen Sünden neu zu opfern. Wir fänden einen Bericht über das Begräbnis Stephanus, aus dem sich entnehmen ließe, wie Petrus oder die anderen Apostel ein Grab für ihn weihten, damit er in geweihter Erde ruhen möchte, wie sie ihm eine heilige Kerze in die Hand legten und über ihm bestimmte Formeln beteten. Wir fänden weiterhin Vorschriften über die verschiedenen Klassen der Geistlichkeit, zu der die Laien nicht im Verhältnis der Brüderschaft, sondern der Unterwürfigkeit zu stehen hätten. Wir fänden für die verschiedenen Geistlichen Rangstufen angedeutet: Titel wie Ehrwürden, Hochwürden, Bischof, Erzbischof, Kardinal, Papst wären gegeben; es wäre gesagt, wie man von Stufe zu Stufe steigen könne, indem man Ehre voneinander nehme, und wer der Größte sein werde.

Dass hiervon auch nicht eine Spur in der Schrift vorhanden ist, beweist augenscheinlich, dass die Systeme, die die Kirche derart organisierten, keineswegs von den Aposteln oder unter deren Leitung geschaffen wurden, noch von dem Herrn, der die zwölf Apostel bestellt und ihr Tun gutgeheißen hatte. - Joh. 15:16; Apg. 1:2; Offb. 21:14

2. Das völlige Fehlen aller dieser Anweisungen in der Schrift beweist, dass sie nicht von diesen weisen Organisatoren verfasst oder aufgestellt worden sind, sonst hätten sie sicherlich alle die darin vermissten Weisungen hinein verflochten.

3. Nachdem wir dadurch Gewissheit erlangt haben, dass weder das „Mutter“ - System, noch die zahlreichen „Tochter“ -Systeme unserer Zeit vom Herrn und seinen Aposteln eingesetzt wurden, sondern aus der Verdrehung der einfachen Lehren der letzteren hervorgegangen und mithin nur menschlichen Ursprungs sind, Versuche von Menschen, weiser zu sein als Gott und besser zu verstehen als er, was zu tun sei - lasst uns um so festeres Vertrauen zum Worte Gottes fassen und um so genauer auch auf die kleinsten Winke acht geben, sowohl auf diesem als auch auf anderem Gebiet.

Sechstausend Jahre lang hat Gott die Menschheit auf eigene Rechnung versuchen lassen, die verschiedenen Lebensfragen zu beantworten oder zu lösen. Der natürliche Mensch wurde mit geistigen Eigenschaften erschaffen, die ihn dazu anspornen sollen, seinen Schöpfer zu ehren und anzubeten. Diese Eigenschaften sind durch den Fall nicht gänzlich verloren gegangen; „gänzliche Verdorbenheit“ ist sicherlich nicht der Fall des Geschlechtes überhaupt. Wie Gott den Menschen gestattete, ihre geistigen Fähigkeiten nach eigenem Gutdünken zu verwenden, so ließ er auch ihren sittlichen Eigenschaften oder Mängeln einfach freien Lauf. Außer dem natürlichen und dem geistlichen Israel und deren Einflusskreisen hat Gott die Welt sich selbst überlassen und sie ihr Möglichstes zur Selbstentwicklung tun lassen. Aber in seiner Unwissenheit und Blindheit fiel der Mensch in mancher Hinsicht den Täuschungen Satans und der gefallenen Engel zum Opfer, die die Massen durch manchen Aberglauben, durch falsche Religionen, Zauberkünste und dergl., weit von der Wahrheit ablenkten. Der Apostel erklärt dies und sagt, dies sei geschehen, weil, als sie Gott noch kannten, die Menschen ihm nicht die gebührende Ehre und den geziemenden Dank gaben; sie verfielen in ihren Überlegungen in Torheit und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert, und Gott überließ sie sich selbst, damit sie die Folgen ihrer Erniedrigung zu kosten bekämen und daraus Belehrung schöpfen möchten, und damit ihrer Verkommenheit beweise, wie außerordentlich sündhaft die Sünde und wie unweise es sei, irgendeinem anderen Berater als dem Schöpfer Gehör zu schenken.

Wie wir schon gesehen haben, beabsichtigt der Herr gar nicht, die Menschen in diesem gefallenen und schwachen Zustand zu lassen; vielmehr wird zu der von ihm zuvor bestimmten Zeit die Erkenntnis des Herrn durch Vermittlung der Neuen Schöpfung jedes Glied der menschlichen Familie erreichen, so dass jedermann Gelegenheit haben wird, die Wahrheit kennen zu lernen und aller Segnungen teilhaftig zu werden, die durch das Lösegeld den Menschen gesichert sind.

Wie seinerzeit die Heidenvölker, so hat Gott auch die sogenannte Christenheit ihre eigenen Wege gehen lassen. Er gestattet solchen Menschen, die einen Teil des Lichtes göttlicher Offenbarung empfangen haben, von ihm nach Gutdünken Gebrauch zu machen; er lässt sie versuchen, am Plan Gottes herumzubessern, er lässt sie zu diesem Zweck Systeme (Kirchen und Sekten) gründen usw. Dies alles bedeutet aber keineswegs, dass er nicht die Macht hätte einzuschreiten, oder dass er gar die verschiedenen, untereinander sich widersprechenden, mehr oder weniger schädlichen Erfindungen und Einrichtungen der Menschheit und der Namenkirche gutheißen würde. Diese Versuche sind nur eine weitere Belehrung, die mit der Zeit die Menschen davon überzeugen werden, dass sie sich geirrt haben; sie werden alsdann die herrliche Hinausführung des Planes Gottes erkennen und sehen, wie Gott sich stets an seinen Plan hielt und ihn durchführte, dabei an den Methoden und Erfindungen der Menschen vorübergehend, ja, sie zuweilen als Mittel zur Durchführung seiner eigenen Zwecke anstatt der von den Menschen ins Auge gefassten benutzend. So handelte er z.B. am Ende des jüdischen Zeitalters, wo er seine Absichten durch seine Feinde, die Jesum kreuzigten und die Apostel verfolgten, ausführen ließ, und wie damals unter diesen seinen Feinden sich „wahre Israeliten“ befanden, die später mit Erkenntnis gesegnet, zum Licht geführt und der Leiden des Christus teilhaftig gemacht wurden, auf dass, wenn die Zeit gekommen ist, auch sie seine Herrlichkeit ererben möchten, so gibt es auch jetzt wahrscheinlich „wahre Israeliten“, die einst, wie Paulus, den Verwirrungen, in die der Widersacher sie hineinführte, entrinnen werden.

Noch eines: Der Herr hat eine bestimmte Zeit, seine Herrschaft anzutreten, eine bestimmte Zeit mithin, innerhalb der seine auserwählte Neue Schöpfung zur vollen Entwicklung gebracht und für ihre Aufgabe völlig ausgerüstet werden soll. Nun scheint es ein Teil seines Planes zu bilden, dass zu Beginn und am Ende dieser Vorbereitungszeit besonders helles Licht leuchten sollte. Das scheint der Apostel sagen zu wollen, wenn er in 1. Kor. 10:11 schreibt: „Alle diese Dinge ... sind geschrieben worden zu unserer Ermahnung, auf welche die Enden der Zeitalter gekommen sind.“ Es geschah beim Ablauf des jüdischen und Beginn des Evangeliums-Zeitalters, dass der Weg, die Wahrheit und das Leben offenbar gemacht wurden; dann folgten dunkle Jahrhunderte; jetzt aber, am Ende des Evangeliums-Zeitalters und Beginn des Millenniums leuchtet das Licht wie nie zuvor auf „Neues und Altes.“ Wenn wir auch annehmen dürfen, dass am Anfang des Zeitalters der Herr die Seinen mit besonderem Licht segnete, und dass auch jetzt, am Ende des Zeitalters, solche das Licht gegenwärtiger Wahrheit empfangen werden, damit sie dadurch geheiligt werden, so glauben wir doch nicht, dass in den vergangenen Jahrhunderten, von denen einige das „finstere Mittelalter“ genannt werden, zur Heiligung so viel Licht nötig war wie jetzt. Und doch war der Herr nie ohne Zeugen, wenn auch kein Blatt der Geschichte von ihnen zu berichten weis. Dies hat seinen Grund wohl darin, dass jene Zeugen in den Augen der Welt keine hervorragenden Leute waren und zu den großen antichristlichen Systemen nicht in freundschaftlicher Beziehung standen, selbst dann nicht, wenn sie selbst dazu gehörten. Der jetzt geltende Ruf des Herrn zeigt deutlich, dass wir erwarten sollen, noch viele vom Volk des Herrn in Babylon, verwirrt durch dessen widersprechende Lehren, anzutreffen: „Gefallen, gefallen ist Babylon, die große ... Gehet aus ihr hinaus, mein Volk, auf dass ihr nicht ihrer Sünden mitteilhaftig werdet, und auf dass ihr nicht empfanget von ihren Plagen.“ - Offb. 18:2, 4

Nach diesem flüchtigen Überblick über die Geschichte der Herauswahl lasst uns nun die Einrichtungen des Herrn in ihr genauer ins Auge fassen. Wie es nur einen Geist des Herrn gibt, den alle besitzen müssen, die des Herrn sein wollen, so gibt es auch nur ein Haupt, nur einen Mittelpunkt der Herauswahl, Jesum Christum. Dabei müssen wir uns doch daran erinnern, dass er bei allem, was er tat, dem Vater die Ehre gab, sein Werk als in des Vaters Namen und Auftrag getan bezeichnete. „Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerottet werden.“ (Matth. 15:13) „Die wahre Kirche“, die Neue Schöpfung, ist vom Vater gepflanzt. „Ich bin der wahre Weinstock ... ihr seid die Reben ... und mein Vater ist der Weingärtner.“ Im Gegensatz hierzu wird der „Weinstock der Erde“ (eine Namenkirche) erwähnt, der nicht vom Vater gepflanzt ist und daher ausgerottet werden wird. Die Frucht am wahren Weinstock ist Liebe, dem Vater angenehm; die Frucht des Weinstockes der Erde aber ist Selbstsucht in verschiedenen Erscheinungsformen und wird schließlich in der großen Drangsal, mit der das gegenwärtige Zeitalter schließen wird, gesammelt werden. - Joh. 15:1-6; Offb. 14:19

Jeder Bibelforscher hat sicher bemerkt, dass unser Herr und seine Apostel keine Trennung innerhalb der Herauswahl anerkannten, weder dem Namen nach noch tatsächlich. Für sie war die Herauswahl eins und unteilbar, wie es auch nur „einen Glauben, einen Herrn und eine Taufe“ gibt. Darum spricht die Schrift auch nur von der Versammlung Gottes, der Versammlung des lebendigen Gottes, der Versammlung der Herauswahl Christi, der Versammlung der Erstgeborenen, von „Brüdern“, „Jüngern“, „Christen.“ Mit allen diesen Bezeichnungen wird stets nur die wahre Kirche als Ganzes oder eine kleine Versammlung von zweien oder dreien oder einzelne in Jerusalem, in Antiochien oder sonst wo bezeichnet. Dass die Bezeichnungen wechseln, beweist, dass keine von ihnen als Eigenname gelten sollte, sie zeugen alle von der großen Tatsache, auf die unser Herr und seine Apostel immer hinwiesen, dass die Versammlung (Gesamtheit) der Nachfolger des Herrn seine Herauswahl ist, erwählt, jetzt an seinem Kreuz teilzuhaben, zu lernen, was notwendig ist, um mit der Zeit Teilhaber seiner Herrlichkeit zu werden.

So hätte es nun stets gehalten werden sollen. Doch in den Jahrhunderten, da Dunkel die Völker bedeckte, wurde es anders. Der Irrtum gewann die Oberhand und mit ihm hielt der Sektengeist seinen Einzug, und infolgedessen kamen die verschiedenen Namen auf, wie: Römische Kirche, Baptistenkirche, Lutherische Kirche, Englische Hochkirche, Katholische Kirche usw. Dies war, nach des Apostels Zeugnis (1. Kor. 3:3, 4), ein Zeichen der fleischlichen Gesinnung dieser Christen, und in dem Maße, wie die Neue Schöpfung aus der Finsternis, die so lange das Erdreich bedeckt hat, herauskommt, geht ihr auch in diesem speziellen Punkt ein Licht auf, so dass sie den Irrtum und bösen Schein erkennt und nicht nur das Sektenwesen vermeidet, sondern sich auch weigert, mit einem solchen Sektennamen bezeichnet zu werden, dabei aber fest zur Bibel steht.

Wir treten nun an die Einzelbetrachtungen der vom Herrn gelegten Grundlagen der einen und unteilbaren Kirche heran.

Die zwölf Apostel des Lammes 

Der Apostel erklärt, dass kein Mensch einen anderen Grund legen kann als der gelegt ist: Jesus Christus. (1. Kor. 3:11) Auf diesen Grund begann unser Herr, als des Vaters Stellvertreter, die Kirche zu bauen. Er begann mit der Berufung von zwölf Aposteln. Diese Zahl ist ebenso wenig zufällig wie die Zwölfzahl der Stämme Israels; beides geschah nach der Anordnung des göttlichen Planes. Der Herr beschränkte sich nicht darauf, zwölf und nicht mehr Apostel zu erwählen, sondern er erteilte auch niemandem den Auftrag, weitere zu erwählen. Ein Beweis dafür ist, dass, nachdem Judas Iskarioth sich der Apostelwürde unwert gezeigt hatte, er vom Herrn selbst durch Paulus ersetzt wurde.

Wir bemerken, mit wie großer Sorgfalt der Herr über die Apostel wachte. Er betete für Petrus in der Stunde seiner Versuchung; er legte ihm danach dringend seine Schafe und Lämmlein ans Herz, er willfahrte Thomas, damit dieser doch ja von seiner Auferstehung sich überzeugen möchte. Von den Zwölfen verlor er keinen außer dem Sohn des Verderbens; dass einer der Zwölfe abfallen würde, war dem Herrn aus der Weissagung bekannt. Wir können die in der Apostelgeschichte erzählte Erwählung des Matthias durch die Jünger nicht als des Herrn Wahl anerkennen. Er war sicherlich ein frommer Mann; aber zu seiner Wahl hatten die Elfe keinen Auftrag. Sie hatten den Befehl empfangen, in Jerusalem zu bleiben und auf die Kraft von oben zu warten, die ihnen die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten bringen sollte. In diese Zeit des Wartens, vor ihrer Ausrüstung mit der Kraft von oben, fällt ihre Erwählung des Matthias durch das Los; sie war sicher eine Verirrung. Der Herr strafte sie nicht für ihre unberufene Einmischung in seine Angelegenheiten, sondern er beschränkte sich darauf, ihre Wahl als nicht geschehen zu betrachten und berief dann, als die Zeit erfüllt war, den Apostel Paulus zu seinem „auserwählten Rüstzeug.“ Der Apostel selbst erklärt, er sei von seiner Mutter Leibe an zu einem besonderen Diener abgesondert worden, und er stehe in nichts den ausgezeichneten Aposteln nach. - Gal. 1:15; 2. Kor. 11:5

Aus dem eben Gesagten wird klar, dass wir im schärfsten Gegensatz stehen zu den Ansichten der Papstkirche, der protestantisch-bischöflichen Kirche, der neu-apostolischen Kirche und der Mormonen, die alle behaupten, die Zahl der Apostel sei nicht auf zwölf beschränkt, und die Apostel hätten seither bis in die jetzige Zeit Nachfolger gehabt, die mit gleicher Autorität wie die zwölf geredet und geschrieben hätten. Wir stellen dies in Abrede und führen zum Beweis an, dass der Herr gerade die Zwölf auserwählte, und erinnern daran, dass die Zwölfzahl in heiligen Dingen öfter vorkommt, besonders bei der Herauswahl; am meisten hervortretend ist dies in der in Offenbarung 21 gebotenen bildlichen Beschreibung der verherrlichten Kirche. Dort wird das neue Jerusalem - das Bild für die Regierung des Tausendjahrreiches, bestehend aus Christo und seiner Braut - ausführlich beschrieben und besonders hervorgehoben, dass die zwölf Grundlagen der Mauer kostbar seien, und dass auf ihnen die Namen der „zwölf Apostel des Lammes“ geschrieben sind - nicht mehr und nicht weniger. Bedürfen wir sonach noch weiterer Beweise dafür, dass es nicht mehr als zwölf Apostel gegeben hat, und dass alle, die sich als solche ausgaben, „falsche Apostel“ waren, vor denen Paulus warnte? - 2. Kor. 11:13

Auch wüssten wir nicht, wozu wir weitere Apostel bedürften. Die Zwölf sind in ihren schriftlichen Zeugnissen und der Frucht ihrer Bemühungen heute noch bei uns. In dieser Beziehung haben wir sogar einen Vorzug vor ihren Zeitgenossen. Die Schrift erzählt uns von ihren Diensten, gibt uns ihre Berichte über des Herrn Worte, Wunderwerke usw. Ihre Auseinandersetzungen über die verschiedenen Punkte christlicher Lehre sind uns in ihren Briefen in denkbar befriedigendster Gestalt erhalten. Diese Dinge sind „hinreichend“, wie der Apostel erklärt, dass der Mensch Gottes vollkommen sei. (2. Tim. 3:17) In Apg. 20:27 erklärt er: „Ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen.“ - Was braucht es mehr?

Unmittelbar nach seinem vierzigtägigen Aufenthalt in der Wüste und seiner Versuchung durch den Widersacher ging unser Herr, seiner Methode nun sicher, daran, die Verkündigung vom kommenden Reich zu verbreiten und Jünger zu berufen. Aus der Zahl dieser Jünger erwählte er dann später die zwölf Apostel. (Luk. 6:13-16) Sie stammten alle, wie wir sagen würden, aus den unteren Schichten der Gesellschaft, von denen, natürlich nicht im Sinne eines Tadels, in Apg. 4:13 bemerkt ist, dass sie „ungelehrte Leute“ waren. Einige von ihnen waren Fischer. Die Zwölf hatten sich nur durch öffentliches Zeugnis zum Herrn und seiner Sache bekannt, zunächst, wie alle Jünger, ohne ihre Beschäftigung zu verlassen. Als sie aber aufgefordert wurden, Teilhaber am Dienst des Evangeliums zu werden, verließen sie alles, um ihm zu folgen. (Matth. 4:17-22; Mark. 1:16-20; 3:13-19; Luk. 5:9-11) Die später einmal als Prediger ausgesandten Siebzig wurden nie als Apostel anerkannt. Lukas gibt uns einen besonderen Bericht über die Auswahl der zwölf Apostel, indem er uns unterrichtet, dass diese getroffen wurde, nachdem sich der Herr zuvor auf einen Berg zurückgezogen hatte, um zu beten, sicherlich um die Hilfe des Vaters zu erflehen. Er brachte die ganze Nacht im Gebet zu, und am Morgen versammelte er seine Jünger (das hier gebrauchte griechische Wort „Mathetes“ bedeutet: „Schüler“) um sich, und aus ihnen erwählte er nun die zwölf Apostel (d.h. Gesandte). Auf diese Weise zeichnete er die Zwölf vor seinen übrigen Jüngern aus. - Luk. 6:12, 13, 17

Die anderen, nicht zu Aposteln berufenen Jünger liebte der Herr auch, und ohne Zweifel billigten sie voll und ganz die vom Herrn getroffene Wahl der Zwölfe, weil sie erkannten, dass sie im Interesse ihrer Sache lag. Der Bericht sagt nicht, worauf der Herr seine Wahl gründete, aber in seinem hohepriesterlichen Gebet sagt er: „Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben“, und wiederum: „Keiner von ihnen ist verloren, als nur der Sohn des Verderbens“. (Judas). In welchem Sinne und bis zu welchem Grade der Vater die Wahl der Zwölf getroffen hatte, ist für uns ohne Bedeutung. Jedenfalls war eine ihrer Eigenschaften Demut, und ohne Zweifel hatte Gott ihre bescheidenen Lebensstellungen und ihre früheren Erfahrungen benutzt, dass sie nicht nur demütig, sondern auch festen Charakters, entschlossen und beharrlich wurden in einem Maße, wie es andere, leichtere Lebensstellungen nicht in gleicher Weise bewirkt hätten. Wir erfahren, dass die Erwählung der Zwölf damals, statt erst zu Pfingsten (dem Tag der Zeugung der Kirche), stattfand, damit sie Augen- und Ohrenzeugen der Taten und Reden des Herrn und so in die Lage versetzt würden, zur gegebenen Zeit, uns mit allen Kindern Gottes aus erster Hand die Wunderwerke Gottes und die wunderbaren Worte des durch Jesum geoffenbarten Lebens zu bezeugen. – Luk. 24:44-48; Apg. 10:39-42

Der den Aposteln gegebene Auftrag

Nirgends findet sich auch nur die leiseste Andeutung dafür, dass die Apostel Herrscher über das Erbe des Herrn werden sollten, dass sie berechtigt gewesen wären, sich als etwas Besseres als die übrigen Gläubigen zu betrachten, als befreit vom Gesetz Gottes, als besonders begünstigt oder sicher, ihr ewiges Erbe anzutreten. Sie sollten sich im Gegenteil jederzeit daran erinnern, dass sie alle Brüder und einer ihr Meister sei, nämlich Christus. Sie sollten stets dessen eingedenk sein, dass sie ihre Berufung und Erwählung fest machen müssen, dass sie, wenn sie nicht dem Gebot der Liebe gehorsam und demütig wie Kinder seien, nicht „in das Reich eingehen“ könnten. Sie erhielten keinen besonderen Titel, sie wurden nicht angewiesen, sich in besonderer Weise zu kleiden, besonders zu benehmen, sondern nur, in allen Stücken der Herde mit gutem Beispiel voranzugehen, damit andere ihre guten Werke sehen und den Vater im Himmel preisen möchten; damit andere, die in ihre Fußstapfen treten würden, auch in des Führers Fußstapfen wandeln und schließlich mit ihnen Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit ererben möchten, ihren Anteil an der göttlichen Natur, ihre Gliedschaft in der Neuen Schöpfung.

Der den Apostel gegebene Auftrag war zu dienen - sie sollten einander und dem Herrn dienen und ihr Leben im Dienst der Brüder niederlegen, besonders in Verbindung mit der Verkündigung des Evangeliums. Sie waren Teilhaber jener Salbung, die schon über ihren Meister gekommen war, die über alle Neuen Schöpfungen, alle königlichen Priester, kommt und vom Propheten wie folgt dargestellt ist: „Der Geist des Herrn, Jehovas, ist auf mir, weil Jehova mich gesalbt hat, um den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen ... Freiheit auszurufen den Gefangenen.“ - Jes. 61:1, 2; Luk. 4:17-21; Matth. 10:5-8; Mark. 3:14, 15; Luk. 10:1-7

Obwohl diese Salbung erst zu Pfingsten über sie kam, so hatten sie doch vorher schon einen Vorgeschmack davon, indem der Herr einen Teil seiner vom Heiligen Geist stammenden Macht auf sie übertrug, als er sie zum Predigen aussandte. Aber selbst in diesem Stück nahm ihnen der Herr irgendwelche Ursache für Selbstgefälligkeit und Hochmut, indem er später einmal siebenzig aussandte und ihnen denselben Auftrag, die gleiche Macht, in seinem Namen Wunder zu tun, verlieh. Das den Aposteln ausschließlich vorbehaltene Werk begann also erst zu Pfingsten, als sie mit dem Heiligen Geist ausgerüstet wurden. Damals kam eine besondere Kundgebung der göttlichen Macht über sie, nicht nur der Heilige Geist und dessen Gaben, sondern auch die Macht, diese Gaben an andere weiterzugeben. Von jetzt an waren sie durch diese Macht vor allen anderen Erwählten ausgezeichnet. Andere Glaubende wurden wohl als Glieder des gesalbten Leibes Christi gerechnet, wurden Teilhaber seines Geistes und von jenem Geist zur Neuheit des Lebens gezeugt, aber keiner empfing eine der besonderen Gaben des Geistes, es sei denn durch die Apostel. Aber diese Wundergaben, dieses Reden und Auslegen fremder Sprachen, nahm nicht etwa, das mögen wir nicht vergessen, die Stelle der Früchte des Geistes ein. Jene müssen bei jedem Gläubigen durch Gehorsam den göttlichen Anweisungen gegenüber zur Entwicklung und Reife gebracht werden, je nachdem jemand in Gnade, Erkenntnis und Liebe wächst. Die Fähigkeit, diese Gaben, die jemand empfangen und dabei doch ein tönendes Erz bleiben konnte, zu übertragen, zeichnete dennoch die Apostel als besondere Diener und Vertreter des Herrn aus, die den Auftrag hatten, die Kirche zu gründen. - 1. Kor. 12:7-10; 13:1-3

Durch die Erwählung und Belehrung der Apostel beabsichtigte der Herr die Segnung und Belehrung aller seiner Nachfolger bis an das Ende des Zeitalters. Das geht klar aus seinem Gebet am Ende seiner Dienstzeit hervor, wo er zu den Aposteln redend sagte: „Ich habe deinen Namen geoffenbart den Menschen, die du mir aus der Welt gegeben hast (d.h. den Aposteln). Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Jetzt haben sie erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist; denn die Worte (Lehren), die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen ... Ich bitte für sie; nicht bitte ich für die Welt, sondern für die, welche du mir gegeben hast, denn sie sind dein ... Aber nicht für diese allein bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben (die ganze Herauswahl); auf dass sie alle eins seien (in Absicht, in Liebe), gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir, auf dass auch sie in uns eins seien.“ - Und nun mit Bezug auf den Zweck der Erwählung der Zwölf und der ganzen Neuen Schöpfung sagt er weiter: „Auf dass die Welt glaube (die von Gott schon in ihrer Sünde geliebt und durch Jesu teures Blut erkauft wurde), dass du mich gesandt hast“ - nämlich sie zu erkaufen und wiederherzustellen. - Joh. 17:6-9, 20, 21

Die Apostel hatten, wenn sie auch ungelehrte Leute waren, doch einen starken Charakter, und durch des Herrn Schulung wurde ihnen reichlicher Ersatz dafür, was ihnen an Weisheit und Bildung dieser Welt abging, indem sie dafür „den Geist des gesunden Sinnes“ empfingen. Darum ist auch nichts Auffallendes dabei, dass diese Männer der ersten Kirche als unbestrittene Leiter auf dem Wege des Herrn erschienen, als besonders bestellte Lehrer, als „Pfeiler der Kirche“, an Autorität dem Herrn zunächst stehend. Der Herr bereitete sie in mannigfacher Hinsicht auf diese Stellung vor. Sie waren stets um ihn und konnten somit Zeugen aller Einzelheiten seines Dienstes auf Erden sein, Zeugen seiner Lehren, seiner Wunder, seiner Gebete, seines Mitleids, seiner Heiligkeit, seiner Selbsthingabe bis in den Tod, und schließlich seiner Auferstehung. Nicht nur die erste Kirche bedurfte aller dieser Zeugnisse, sondern alle, die der Herr seitdem zur Neuen Schöpfung berufen hat, die die Berufung angenommen, die ihre Zuflucht zu der herrlichen Hoffnung genommen haben, die in seinem Charakter, seinem Opfertod, seiner Erhöhung, im Plan Gottes, den er hinausführen soll, verankert ist. Alle, die ihre Zuversicht auf diese Dinge setzten, bedurften solch persönlicher Zeugnisse, damit ihr Glaube und ihr Trost stark werde.

Das Werk der siebzig Jünger, die der Herr einmal aussandte, um seine Gegenwart und die Ernte des jüdischen Zeitalters zu verkündigen, war in mancher Hinsicht von dem Werk der Zwölf verschieden. In jeder Weise sonderte der Herr seine Apostel so aus, dass wir mit der ganzen Herauswahl ihnen vollstes Vertrauen entgegenbringen können. Sie allein waren bei ihm am letzten Passahmahl bei der Einsetzung des neuen Gedächtnismahles; sie allein waren Zeugen seiner Gefangennahme in Gethsemane; sie allein empfingen noch nach seiner Auferstehung manche eindrückliche Belehrung aus seinem Munde, ihrer allein bediente er sich als Mundstücke des Heiligen Geistes am Pfingsttag. Die Elf waren „Männer aus Galiläa“, wie denn auch einige ihrer Hörer bemerkten: „Sind diese nicht alle Galiläer?“ - Apg. 2:7; Luk. 24:48-51; Matth. 28:16-19

Wenn sich auch der Herr nach seiner Auferstehung einmal 500 Brüdern auf einmal offenbarte, so verkehrte der Auferstandene doch nur mit den Aposteln noch in besonderer Weise, und nur sie waren die bestellten Zeugen alles dessen, was er sowohl im Land der Juden als auch in Jerusalem getan hat; „den sie auch umgebracht haben, indem sie ihn an ein Holz hängten. Diesen hat Gott am dritten Tage auferweckt ... und er hat uns befohlen, dem Volk zu predigen“ usw. - Apg 10:39-45; 13:31; 1. Kor. 15:3-8

Der Apostel Paulus war zwar nicht wie die Elf ein direkter Augen- und Ohrenzeuge, aber er wurde doch zu einem Zeugen der Auferstehung Jesu gemacht, indem ihm ein Blick in die jetzige Herrlichkeit des Herrn gegeben wurde, wie er selbst sagt (1. Kor. 15:8, 9): „Am letzten aber von allen, gleichsam der unzeitigen Geburt, erschien er auch mir.“ Der Apostel Paulus hatte keinen Anspruch darauf, die Herrlichkeit des Herrn früher zu schauen als die übrigen Auserwählten bei seiner zweiten Gegenwart, wo alle Getreuen verwandelt und ihm gleich gemacht sein und ihn sehen werden, wie er ist. Aber damit er ein Zeuge werden könne, wurde ihm dieser Blick und noch weitere Gesichte und Offenbarungen gewährt, mehr als allen anderen. Dies dürfte als reichlicher Ersatz gelten dafür, dass er vorher mit dem Meister keinen Umgang gehabt hat. Seine besonderen Erfahrungen kamen aber nicht ihm allein zugute, sondern vor allem der Herauswahl.

Sicher steht fest, dass die besonderen Erfahrungen, Traumbilder und Offenbarungen, die dem Apostel gewährt wurden, der den Platz Judas einnahm, viel hilfreicher als die der anderen Apostel gewesen sind.

Seine Erfahrungen gestatteten ihm, nicht nur die „Tiefen Gottes“ zu erkennen und zu würdigen - darunter sogar Dinge, die er nicht sagen durfte (2. Kor. 12:4), sondern das Licht, das sie dem Geist des Apostels verschafften, strahlte auch durch seine Schriften zurück auf die ganze Herauswahl von seinen Tagen bis auf unsere Zeit.

Dank der ihm zuteil gewordenen Gesichte und Offenbarungen vermochte Paulus die durch Bezahlung des Lösegeldes geschaffene Lage, das neue Zeitalter, die Länge, Breite, Höhe und Tiefe des Charakters und Planes Gottes in so vollem Maße zu erfassen und zu würdigen. Und weil er sie selbst so klar erkannte, konnte er diese Dinge in seinen Reden und Briefen auch so klar zur Darstellung bringen, dass der ganze Haushalt des Glaubens bis herab auf unsere Tage seinen Segen davon empfing. Tatsächlich würde es für die Herauswahl unserer Tage einen geringeren Schaden bedeuten, die Schriften und Zeugnisse aller anderen Apostel zu verlieren als die des Paulus. Dennoch sind wir froh, dass das ganze Zeugnis auf uns gekommen ist, froh, dass wir es in seinem ganzen Umfang würdigen und die edle Denkungsart aller Zwölf so hoch schätzen können.

Die Stellen, die die Apostelstellung des Paulus bezeugen, sind: Zuerst die Worte des Herrn: „Dieser ist mir ein auserwähltes Gefäß, meinen Namen zu tragen, sowohl vor Nationen als Könige und Söhne Israels.“ (Apg. 9:15) Dann Paulus eigene Aussagen: „Ich tue euch aber kund, Brüder, dass das Evangelium, welches von mir verkündigt wurde, nicht nach dem Menschen ist. Denn ich habe es weder von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch Offenbarung Jesu Christi.“ (Gal. 1:11, 12) „Der, welcher in Petrus für das Apostelamt der Beschneidung gewirkt hat, hat auch in mir in bezug auf die Nationen gewirkt.“ (Gal. 2:8) Nicht nur bezeugt sein Eifer für den Herrn und die Brüder, seine Bereitwilligkeit, sein Leben im Dienst der Brüder niederzulegen, um seine Zeit und Kraft zu ihrem Besten zu verwenden, dass er Anspruch hat, mit den übrigen Aposteln als gleichberechtigt zu gelten, sondern wenn jemand seine Apostelstellung innerhalb der Herauswahl in Zweifel zog, so wies er selbst mit großer Freimütigkeit auf die Beweise hin, die er selbst gegeben, sowie auf die Auszeichnungen, deren der Herr ihn für würdig gehalten hatte, damit beweisend, dass er den Aposteln in nichts nachstehe. - 1. Kor. 9:1; 2. Kor. 11:5, 23; 12:1-7, 12; Gal. 2:8; 3:5

Des Herrn Absicht war nicht, dass das Werk der Apostel auf die Juden beschränkt bleibe, er belehrte im Gegenteil die Elf, dass sein Werk und ihre Botschaft einmal für die ganze Menschheit gelten werde. In Jerusalem sollten sie nur auf ihre Ausrüstung mit Kraft von oben warten; dort sollten sie auch ihr Werk beginnen: „Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde.“ (Apg. 1:8) Dieses Zeugnisablegen dauerte nicht nur, solange die Apostel lebten, es dauert auch heute noch fort. Sie reden heute noch zu uns, sie belehren heute noch die Glaubenden; sie ermutigen, ermahnen und tadeln; ihr Abscheiden machte ihrem Dienst kein Ende. Noch reden sie, noch zeugen sie, noch sind sie die Mundstücke des Herrn für die Glaubenden.

Die Inspiration der Apostel

Es ist wichtig für uns, das Vertrauen zu haben, dass die Apostel wahrhaftige Zeugen, wahrheitsgetreue Geschichtsschreiber sind. Ihre Schriften tragen in der Tat den Stempel der Wahrhaftigkeit; denn sie suchten weder zeitlichen Gewinn, noch Ehre bei Menschen, sondern ließen in ihrem Eifer für den auferstandenen und herrlich gemachten Meister alle Rücksicht auf irdische Vorteile fahren. Wenn schon ihr Zeugnis nur deshalb ins Gewicht fiele, so wäre es ganz unschätzbar. Aber die Schrift selbst gibt den Aposteln noch das Zeugnis, dass der Herr sich ihrer als inspirierter Werkzeuge bediente; dass er sie besonders leitete und bei dem Zeugnis, das sie in der Herauswahl ablegen, bei den Lehren, die sie verbreiten, bei den Gebräuchen, die sie festsetzen würden, überwachte. Sie bezeugten nicht nur Dinge, die sie gehört und gesehen hatten, sondern auch solche, die sie durch den Heiligen Geist gelernt hatten. Darin erwiesen sie sich als treue Haushalter: „Dafür halte man uns: für Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes.“ (1. Kor. 4:1) Denselben Gedanken hatte der Herr, als er den Zwölfen sagte: „Ich will euch zu Menschenfischern machen“, oder: „Weidet meine Schafe! Weidet meine Lämmlein!“ Der Apostel bezeugt ferner: „Das Geheimnis (die tiefen Wahrheiten des Evangeliums über die hohe Berufung der Neuen Schöpfung, des Christus), welches in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden, ist jetzt geoffenbart worden seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geiste, ... und alle zu erleuchten, welches die Verwaltung des Geheimnisses (welches die Bedingung zum Teilhaben an der Neuen Schöpfung) sei, das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott.“ (Eph. 3:3-11) Und hinsichtlich der Auferbauung der Herauswahl auf den Eckstein Jesum Christum sagt der Apostel: „Deshalb bin ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch, die Nationen.“ – Eph. 2:20, 22; 3:1

Der „Tröster“ war den Aposteln verheißen; er sollte sie alles lehren, sie an alles erinnern, was der Herr zu ihnen gesagt hatte; er sollte ihnen auch das Kommende verkündigen. (Joh. 14:26; 16:13) Bis zu einem gewissen Grade gilt dies zweifellos für die ganze Herauswahl, insbesondere aber gilt es den Aposteln, und durch deren Vermittlung wirkt es auf die übrigen Auserwählten, indem sie aus den Worten der Apostel alte und neue Dinge lernen. Die Inspiration der Apostel dürfen wir daher als eine dreifache bezeichnen: 1. wurde ihre Erinnerung aufgefrischt, so dass sie des Herrn eigene Lehren aus dem Gedächtnis wiederzugeben vermochten; 2. wurden sie angeleitet, die Wahrheit über den göttlichen Plan der Zeitalter zu erkennen; 3. wurden ihnen besondere Offenbarungen über zukünftige Dinge zuteil, solche Dinge betreffend, von denen ihnen der Herr gesagt hatte (Joh. 16:12): „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.“

Nun dürfen wir nicht denken, dass die Auffrischung des Gedächtnisses der Apostel soweit ging, dass sie sich auf alle Redewendungen und Reihenfolge der Reden Jesu erstreckt hätte. Die Schriften der Apostel verraten kein solches Diktat durch den Heiligen Geist. Dennoch ist die Verheißung unseres Herrn eine Garantie dafür, dass die Schriften der Apostel die Dinge richtig wiedergeben. Jedes der vier Evangelien bietet eine Geschichte des Lebens und Dienstes Jesu; aber jedes Evangelium trägt den Stempel der Individualität seines Verfassers. Jedes erzählt in seinem eigenen Stil solche Einzelheiten, die dem Verfasser am wichtigsten schienen, und der Herr überwaltete diese Arbeiten so, dass ihre verschiedenen Berichte zusammengenommen eine so vollständige Geschichte ausmachen, wie sie für die Begründung des Glaubens der Herauswahl daran, dass Jesus der Messias ist, an die Erfüllung der messianischen Weissagungen, an die Tatsachen seines Lebens und seiner Lehre notwendig waren. Wäre die Inspiration der Apostel eine verbale gewesen, wären ihre Schriften Wort für Wort eingegeben worden, so wäre es nicht notwendig gewesen, dass mehrere Menschen dieselbe Geschichte erzählten. Bei aller Freiheit aber, die den verschiedenen Verfassern in der Wahl des Ausdrucks oder der Auswahl der Begebenheiten, die sie erzählen wollten, gelassen wurde, hat der Herr die ganze Angelegenheit so überwaltet, dass nichts Wichtiges unerwähnt blieb, dass alles Notwendige wahrheitsgemäß berichtet ist, „auf dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt.“ (2. Tim. 3:17) Besonders ergänzt der Bericht des Johannes die Berichte der drei anderen, und er behandelt vorab wichtige Umstände und Vorfälle, die die anderen übergangen haben.

Des Herrn Vorsatz, die Apostel durch den Heiligen Geist und durch die Apostel die ganze Neue Schöpfung in alle Wahrheit zu leiten, setzt voraus, dass diese Anleitung einen allgemeinen Charakter hatte und nicht eine spezielle Anleitung jedes einzelnen sein sollte. Die Ereignisse haben dies auch bewiesen. Obwohl die Apostel, ausgenommen Paulus, ungebildete, ungelehrte Männer waren, so ist doch ihre Schriftauslegung sehr bemerkenswert. Sie waren imstande, die Weisheit der weisen Theologen ihrer Zeit und der späteren Jahrhunderte zunichte zu machen. Wie groß auch die Beredsamkeit des Irrtums sein mag, er vermag nichts gegen die Logik ihrer Folgerungen aus dem Gesetz, den Propheten und den Lehren des Herrn. Die jüdischen Schriftgelehrten merkten das und erkannten, dass die Apostel mit Jesu gewesen waren. - Apg. 4:5, 6, 13

Die Briefe der Apostel bestehen also aus logischen Beweisführungen mittelst der inspirierten Schriften des Alten Testamentes und der Worte des Herrn; und alle, die das Evangeliums-Zeitalter hindurch an demselben Geist teilhatten, indem sie den Erörterungen derer folgten, die der Herr als seine Mundstücke gebraucht hatte, kamen auf diesem Wege so sehr zu den gleichen wahrheitsgemäßen Schlüssen, dass unser Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gotteskraft beruht. (1. Kor. 2:4, 5) Trotzdem haben wir in den Briefen ebenso wenig wie in den Evangelien den Eindruck einer Verbal-Inspiration in dem Sinne, als wären die Verfasser nur die schreibende Hand Jehovas, wie es die Propheten des alten Bundes gewesen sind. (2. Petr. 1:21) Die klaren Begriffe der Apostel rührten vielmehr von einer allgemeinen und dauernden Erleuchtung ihre Geistes her, die sie befähigte, die Absichten Gottes deutlich zu sehen, richtig zu würdigen und daher auch klar in verständliche Worte zu fassen. Auf diese edle Weise vermochten seither alle vom Volke Gottes in der Gnade, Erkenntnis und Liebe zu wachsen und so allmählich mit allen Heiligen zu erfassen, „welches sei die Breite und Länge und Tiefe und Höhe, und die Liebe des Christus zu erkennen, die alle (menschliche) Erkenntnis übersteigt.“ - Eph. 3:18, 19

Dennoch halten wir uns für vollberechtigt zu der Annahme, dass alle Schriften der Apostel so vom Herrn überwacht wurden, dass unpassende Ausdrücke vermieden sind und die Wahrheit in solcher Form wiedergegeben ist, dass sie für den Haushalt des Glaubens seit ihrer Zeit bis auf den heutigen Tag „Speise zur rechten Zeit“ war. Diese göttliche Überwaltung ist in den Worten des Herrn angedeutet: „Was irgend ihr auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein, und was irgend ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein.“ (Matth. 18:18) Wir verstehen das nicht so, dass der Herr auf seinen Vorrang verzichten und sich den Entscheidungen der Apostel unterwerfen wollte, sondern dass die Apostel durch den Heiligen Geist in der Weise bewahrt und geführt werden würden, dass ihre Entscheidungen in der Herauswahl richtig sein würden, sei es, dass sie etwas als Verpflichtung, sei es, dass sie etwas Anderes als dem freien Ermessen des einzelnen Gläubigen anheim gestellt fordern würden. Es war wichtig, dass die Herauswahl im allgemeinen wusste, dass die Dinge so geordnet seien, dass die Entscheidung der Apostel stets so fallen würde, als wäre sie vom Herrn selbst getroffen.

Auf diesen Felsen will ich meine Versammlung bauen

Damit stimmen voll und ganz die Worte des Herrn überein, die er, nachdem der Apostel Petrus seinen Glauben daran, dass Jesus der Messias sei, bezeugt hatte, sprach: „Glückselig bist du, Simon, Sohn Jonas, denn Fleisch und Blut haben es dir nicht geoffenbart, sondern mein Vater, der in dem Himmel ist. Aber auch ich sage dir, dass du bist Petrus (ein Stein, ein Fels); und auf diesen Felsen (petra - Felsmasse; diesen Grundstein der Wahrheit, den du eben geäußert) will ich meine Versammlung bauen.“ Der Herr selbst ist der Erbauer, wie er auch selbst als der Grundstein bezeichnet wird: „Einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ (1. Kor. 3:11) Er ist der große Felsen und seine Anerkennung als solcher durch Petrus ist ein felsenfestes, wahrhaftiges Zeugnis, eine Anerkennung der Grundlage des Planes Gottes. Der Apostel Petrus hat es selbst so verstanden; davon zeugen seine Worte. (1. Petr. 2:5, 6) Er erklärt, dass alle wahrhaft geweihten Gläubigen „lebendige Steine“ sind, die zu dem großen Grundfelsen des göttlichen Planes, Jesu Christo, hinzukommen, um auferbaut zu werden als ein heiliger Tempel Gottes durch die Verbindung mit ihm, dem Grundstein. Petrus also lehnte - wie es auch recht war - ab, selbst der Grundstein zu sein, und zählte sich zu den „lebendigen Steinen“ der Kirche, wiewohl ein „Fels“ größer ist als ein gewöhnlicher Baustein und alle Apostel als „Grundlagen“ (Offb. 21:14) im Plane Gottes von größerer Wichtigkeit sind als ihre Brüder.

Die Schlüssel der Autorität

In ähnlichem Zusammenhang sagt der Herr zu Petrus: „Ich werde dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben; und was irgend du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein“ usw. Dieselbe Autorität also, die den Aposteln im allgemeinen verliehen wurde, wurde dem Apostel Petrus besonders angekündigt, und er wurde dadurch besonders geehrt, dass ihm die Schlüssel, d.h. das Recht zu öffnen, verliehen wurden. Wir erinnern uns daran, wie Petrus die Eingänge zum neuen Zeitalter öffnete, erst für die Juden zu Pfingsten, und dann für die Heiden im Haus des Kornelius. Vom Pfingsttag, da der Heilige Geist ausgegossen wurde, lesen wir: „Petrus stand auf mit den Elfen.“ Er ging also zuerst vor; er öffnete und die anderen folgten, und nun erging die hohe Berufung des Evangeliums-Zeitalters an die Juden. Im Fall des Kornelius sandte der Herr Boten zu Petrus und bereitete ihn durch ein Gesicht noch in besonderer Weise vor, so dass er der Einladung des Kornelius folgte und in dessen Haus die zweite Tür der Begnadigung und Befreiung, durch die von nun an die Nationen eingehen und ihren Lauf nach dem hohen herrlichen Ziel der Teilnahme an der Neuen Schöpfung beginnen konnten, aufschloss. Dies ist in voller Übereinstimmung mit den Absichten, die den Herrn bei der Auswahl der Zwölf geleitet hatten. Und je klarer des Herrn Volk erkennt, dass diese Zwölf die besonderen Kanäle zur Vermittlung der Wahrheit über die Neue Schöpfung sind, um so bereitwilliger wird es auch sein, ihre Worte anzunehmen, um so weniger wird es sein Ohr den Lehren solcher leihen, die sich mit den Lehren der Apostel in Widerspruch setzen. „Wenn sie nicht nach diesem Worte sprechen, so gibt es für sie keine Morgenröte.“ - Jes. 8:20

Der letzte Satz der hier besprochenen Verheißung unseres Herrn heißt: „Er (des Vaters Heiliger Geist) wird euch das Zukünftige verkündigen.“ Das setzt eine besondere Inspiration der Apostel voraus (und indirekt eine Segnung und Erleuchtung aller vom Volk des Herrn bis ans Ende des Zeitalters, sofern sie die Lehren der Apostel annehmen). Sie sollten also nicht nur heilige Apostel sein, sondern auch Propheten und Seher, die der Herauswahl zukünftige Dinge mitteilen. Es ist nicht notwendig anzunehmen, dass alle Apostel im gleichen Grade auf allen Teilen des ihnen zugewiesenen Wirkungsgebietes verwendet wurden. Die Schrift zeigt vielmehr, dass einige unter ihnen besonders ausgezeichnet wurden, sowohl in ihrer Eigenschaft als Apostel als auch in ihrer Eigenschaft als Seher. Der Apostel Paulus z.B. verkündete den großen Abfall, das Offenbarwerden des Menschen der Sünde, das Geheimnis über die zweite Gegenwart des Herrn, die Herrlichmachung der Heiligen der letzten Generation im Augenblick des Abbruches der irdischen Hütte, das in den vergangenen Zeiten und Zeitaltern verborgene Geheimnis von der Miterbschaft der Herauswahl, einschließlich derer aus den Nationen, an den dem Samen Abrahams geltenden Verheißungen, von der Segnung aller Geschlechter der Erde durch diesen Samen usw. Paulus verkündigte ferner, dass am Ende des Zeitalters schwierige Verhältnisse innerhalb der Herauswahl vorherrschen, dass die Menschen das Vergnügen mehr lieben würden als Gott, dass viele eine Form der Gottseligkeit haben, aber deren Kraft verleugnen werden, dass es in der Herauswahl solche geben werde, die ihren Bund (ihr Weihegelübde) brechen, dass verderbliche Wölfe („höhere Kritiker“) der Herde des Herrn nicht schonen werden. Alle Schriften des Paulus sind hell durchleuchtet von den ihm als Seher zukünftiger und zu seiner Zeit noch nicht fälliger Dinge (2. Kor. 12:4) zuteil gewordenen Gesichten und Offenbarungen. Einige dieser Dinge, von denen Paulus noch nicht reden durfte, sind jetzt den Heiligen durch die Vorbilder und Weissagungen des Alten Testamentes, die im Licht der Worte des Apostels verständlich wurden, offenbar geworden, weil die rechte Zeit hierfür gekommen ist.

Der Apostel Petrus seinerseits verkündigte das Auftreten von Irrlehrern in der Herauswahl, die im Geheimen, ohne dass es beachtet würde, schädliche Lehren einführen, ja, sogar die Lehre des Lösegeldes leugnen würden. Mit Bezug auf unsere heutige Zeit sagt er: „In den letzten Tagen werden Spötter mit Spötterei kommen ... und sagen: Wo ist die Verheißung seiner (Christi) Gegenwart? (Parusia nicht Ankunft, sondern Gegenwart).“ Er weissagte ferner, dass der Tag des Herrn kommen werde wie ein Dieb in der Nacht usw.

Jakobus weissagte hinsichtlich des Endes des Zeitalters: „Wohlan nun, ihr Reichen, weinet und heulet über euer Elend, das über euch kommt! ... ihr habt Schätze gesammelt in den letzten Tagen.“

Der vornehmste Seher und Prophet unter den Aposteln ist jedoch Johannes; seine uns in der Offenbarung erhaltenen Gesichte skizzieren in ganz hervorragender Weise die zukünftigen Dinge.

Die Unfehlbarkeit der Apostel

Aus dem Vorhergehenden glauben wir mit Recht schließen zu dürfen, dass die Apostel vom Herrn durch den Heiligen Geist so geführt wurden, dass alle ihre öffentlichen Äußerungen von Gott zur Ermahnung der Herauswahl eingegeben und nicht weniger maßgebend waren als die Äußerungen der Propheten des Alten Bundes. Aber während wir der Wahrhaftigkeit ihres Zeugnisses und dessen, dass alle ihre Äußerungen an die Kirche göttliche Billigung haben, gewiss sind, tun wir doch wohl, sorgfältig fünf verschiedene im Neuen Testament erwähnte Umstände zu beachten, die mit der Annahme, die Apostel hätten sich in ihren Lehren nicht geirrt, als im Widerspruch stehend betrachtet zu werden pflegen.

1. Die Verleugnung des Herrn durch Petrus. Es ist nicht zu bestreiten, dass Petrus sich da einen sehr schweren Fehltritt zuschulden kommen ließ, den er später aufrichtig bereute. Aber wir sollten nicht vergessen, dass dieser Fehltritt, zwar nach seiner Berufung zum Apostel, aber vor seiner Salbung mit dem Heiligen Geist, die erst zu Pfingsten erfolgte und seine völlige Ernennung als Apostel besiegelte, stattfand. Außerdem beschränken wir die Unfehlbarkeit der Apostel auf ihre „öffentlichen“ Lehren und Schriften; wir dachten dabei keineswegs an eine Unfehlbarkeit in allen Kleinigkeiten und sonstigen Vorfällen des Lebens. In dieser Hinsicht hatten sie ohne Frage teil am Fall Adams, wie alle anderen Menschen; ihre „irdenen Gefäße“ waren eben auch schadhaft. Des Apostels Worte: „Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen“ gelten sowohl ihm selbst und den anderen Aposteln als auch allen sonstigen Auserwählten, Gefäßen des Heiligen Geistes. Unser Anteil als Einzelwesen an dem großen Versöhnungswerk unseres Meisters deckt diese Schwächen des Fleisches zu, die den Wünschen der Neuen Schöpfung widerstreben.

Der Dienst der Apostel für den Herrn und seine Herauswahl stand mit den Schwachheiten des Fleisches in keinem Zusammenhang. Er wurde ihnen anvertraut, nicht weil sie vollkommene Menschen waren, sondern „obwohl sie Menschen von gleichen Empfindungen“ wie wir selbst waren. (Apg. 14:15) Ihr Dienst brachte ihnen nicht Wiederherstellung - Vollkommenheit im Fleisch - sondern nur eine neue Gesinnung und den Heiligen Geist, der sie leitete. Er machte ihre Gedanken und Handlungen nicht vollkommen, sondern überwaltete sie nur in der Weise, dass die „öffentlichen Lehren“ der Zwölf das Wort des Herrn - d.h. unfehlbar sind. Dieser Art ist auch die vom Papst beanspruchte Unfehlbarkeit, dass er nämlich, wenn er ex cathedra oder von Amtes wegen redet, derart von Gott geleitet werde, dass er nicht irren könne. Diese Unfehlbarkeit wird für die Päpste beansprucht, weil sie angeblich auch Apostel seien. Aber die diesen Anspruch erheben, übersehen, dass die Schrift bezeugt, es gebe nur „zwölf Apostel des Lammes“.

2. Von Petrus wird ein Fall erwähnt, wo er heuchelte, sich zweideutig benahm. (Gal. 2:11-14) Darauf wird wiederum verwiesen, um zu zeigen, dass die Apostel in ihrem Wandel nicht unfehlbar waren. Wir geben dies ohne weiteres zu, da die Apostel es übrigens selbst anerkannten (Apg. 14:15), und wir nur der Ansicht Ausdruck verliehen haben, dass nicht zugelassen worden sei, dass diese Schwachheiten des Fleisches ihr Werk oder ihre Brauchbarkeit als Apostel beeinträchtigten, die „die gute Botschaft verkündigten mit dem vom Himmel gesandten Heiligen Geist“ (1. Petr. 1:12; Gal. 1:11, 12), nicht mit Menschenweisheit, sondern mit Weisheit von oben. (1. Kor. 2:5-16) Aus dieser Verirrung brachte Gott Petrus rasch wieder durch den Apostel Paulus zurecht, der ihm freundlich, aber mit Festigkeit ins Angesicht widerstand, weil er zu tadeln war. Petrus nahm die Belehrung an und überwand rasch seine Schwachheit, seine Vorliebe für die Juden, völlig. Das ist aus seinen beiden Briefen klar ersichtlich, in denen sich keine Spur von Schwanken in diesem Punkt oder eines Mangels am Festhalten der Anerkennung des Herrn findet.

3. Es wird behauptet, die Apostel hätten des Herrn Wiederkunft sehr bald, ja, schon zu ihren Lebzeiten erwartet; hierin hätten sie sich eines Lehrfehlers schuldig gemacht, der das Vertrauen in ihre Lehre überhaupt erschüttern müsse. Darauf antworten wir, dass der Herr die Apostel hinsichtlich der Zeit seiner Wiederkunft und der Aufrichtung seines Reiches in Ungewissheit ließ, und ihnen wie allen anderen nur befahl zu wachen, damit, wenn der Augenblick gekommen sei, sie es erkennen und nicht wie die Welt im Dunkeln sein möchten. Als sie ihn nach seiner Auferstehung danach fragten, erhielten sie den Bescheid: „Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat.“ Können wir nun daraus den Aposteln einen Vorwurf machen, dass sie etwas nicht wussten, das Gott noch für einige Zeit als Geheimnis erklärte? Sicherlich nicht! Um so weniger, als wir bemerken, dass die Führung des Heiligen Geistes bei den Aposteln, wenn sie von den zukünftigen „Dingen“ redeten, besonders an der Wahl der Ausdrücke bemerkbar ist. Ihre Worte nötigen nicht zur Annahme, dass das Ereignis in ihren Tagen stattfinden müsse, um sich als Erfüllung ihrer Weissagung auszuweisen, sondern das Gegenteil.

Petrus sagt z.B. ausdrücklich, dass er seine Briefe zu dem Zweck geschrieben habe, damit sein Zeugnis auch nach seinem Tod der Herauswahl verbleibe. (2. Petr. 1:15) Dies beweist klar, dass er nicht bis zur Aufrichtung des Reiches zu leben erwartete. Paulus erklärt freilich, die Zeit sei nahe, aber er sagt nicht wie nahe. Von Gottes Standpunkt aus, da sieben Tausendjahrtage eine Woche ausmachen, deren siebter Tag das Königreich bringen würde, war zur Zeit der Abfassung der Briefe des Paulus mehr als zwei Drittel der Zeit des Wartens schon vorbei. Genauso sagen wir am Donnerstag, die Woche sei bald um. Paulus redet ferner von der Zeit seines Abscheidens, von seiner Bereitwilligkeit, sein Leben zu lassen, von seinem Wunsch, es möchte ein Ende nehmen. Er betont, dass der Tag des Herrn wie ein Dieb in der Nacht kommen werde. Einigen unrichtigen Auffassungen tritt er mit den Worten entgegen: „Lasset euch nicht schnell erschüttern in der Gesinnung, noch erschrecken, weder durch Geist, noch durch Wort, noch durch Brief als durch uns, als ob der Tag des Herrn da wäre. Lasst euch von niemandem auf irgendeine Weise verführen, denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall komme und geoffenbart worden sei der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens ... Erinnert ihr euch nicht, dass ich dies zu euch sagte, als ich noch bei euch war? Und jetzt wisset ihr, was zurückhält, dass er zu seiner Zeit geoffenbart werde.“ - 2. Thess. 2:2, 3, 5, 6

4. Es wird geltend gemacht, Paulus habe sich einer Abweichung von seiner Anschauung schuldig gemacht, als er den Timotheus veranlasste, sich beschneiden zu lassen (Apg. 16:3), da er doch selbst schreibe: „Ich, Paulus, sage euch, dass, wenn ihr beschnitten werdet, Christus euch nichts nützen wird.“ (Gal. 5:2) Ob er sich denn da nicht einer Irrlehre schuldig gemacht habe, der er selber zuwider gehandelt habe, fragt man uns? Keineswegs. Timotheus war als Sohn eines jüdischen Weibes an den Brauch der Juden, sich beschneiden zu lassen, der älter als das Gesetz Moses war, gebunden. Dieser Brauch erhielt sich auch nachher fort, nachdem „Christus dem Gesetz(-esbund) ein Ende gemacht hatte, indem er es ans Kreuz nagelte.“ Die Beschneidung wurde Abraham als Bundeszeichen gegeben für ihn und seinen Samen, 430 Jahre bevor Israel als Nation am Sinai sein Gesetz erhielt. Petrus war als Apostel der Beschneidung bestimmt, d.h. für die Juden, Paulus als Apostel bei der Vorhaut, d.h. bei den Nationen. (Gal. 2:7, 8) Sein Ausspruch in Gal. 5:2 war nicht an die Juden gerichtet, sondern an die Nationen, und bei diesen konnte der Wunsch, sich beschneiden zu lassen, keinen anderen Ursprung haben, als den, dass gewisse Irrlehrer sie verwirrt und sie glauben gemacht hatten, sie müssten, nachdem sie Christum angenommen hätten, sich diesem jüdischen Brauch unterwerfen. Damit verleiteten jene Irrlehrer sie, den Gnadenbund zu übersehen. Der Apostel zeigt in der angeführten Stelle, dass, wenn sie sich wegen solcher Irrlehren beschneiden ließen, dies für sie bedeute, dass sie den Gnadenbund ablehnen und mithin das ganze Werk Christi verwerfen. Bei den Juden hingegen hatte er nichts gegen das Festhalten an ihrem Brauch einzuwenden; das geht nicht nur aus seinem Verhalten gegenüber Timotheus, sondern auch aus 1. Kor. 7:18, 19 hervor. Nicht etwa, dass es für Timotheus oder irgendeinen anderen Juden notwendig gewesen wäre, sich beschneiden zu lassen. Aber da Timotheus vielfach mit Juden zu tun haben sollte, war es nicht unpassend, dass er sich ihnen in diesem Punkt gleichstellte, denn es erwarb ihm ihr Zutrauen. Im Fall des Titus hingegen, der ein Grieche war, widerstand er aufs kräftigste denen, die ihn aus Missverständnis beschnitten wissen wollten. – Gal. 2:3-5

5. Was in Apg. 21:20-26 von Paulus berichtet wird, wird als mit der von ihm vertretenen Wahrheit in Widerspruch stehend und als Grund dafür bezeichnet, dass so viel Gefangenschaft über Paulus gekommen sei. Da sehe man, dass er sich hinsichtlich seiner Lehren und seines Verhaltens geirrt habe. Aber die Schrift gestattet diese Schlussfolgerung keineswegs. Sie zeigt vielmehr, dass sich Paulus während dieser ganzen Zeit der Zustimmung der anderen Apostel und der Gnade bei Gott erfreute. Was er damals tat, geschah gerade auf Anraten der anderen Apostel. Dass ihn in Jerusalem Bande und Gefängnis erwarteten, war ihm schon vorher geweissagt worden (Apg. 21:10-14), doch aus Überzeugungstreue ging er ohne Zögern den angekündigten Widerwärtigkeiten entgegen. Und mitten in ihnen stand ihm der Herr bei und sprach zu ihm: „Sei guten Mutes! denn wie du von mir in Jerusalem gezeugt hast, so musst du auch in Rom zeugen.“ (Apg. 23:11) Und von einer weiteren Gunstbezeugung Gottes lesen wir (Apg. 27:23, 24): „Ein Engel des Gottes, dessen ich bin und dem ich diene, stand in dieser Nacht bei mir und sprach: Fürchte dich nicht Paulus! du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir alle geschenkt, die mit dir fahren.“

Angesichts dieser Tatsachen müssen wir nach einer Erklärung für Paulus Gelübde suchen, die mit seinem sonstigen mutigen und vornehmen Verhalten vereinbar ist, da Gott selbst dies Gelübde nicht nur nicht tadelte, sondern direkt guthieß. Aus Apostelgeschichte 21:21 erfahren wir, dass Paulus keineswegs gelehrt hatte, gläubig gewordene Juden sollten ihre Kinder nicht beschneiden, dass er das Gesetz Moses keineswegs verwarf, sondern im Gegenteil hochhielt, als er zeigte, welche großen Dinge dadurch vorgeschattet seien. „Das Gesetz ist gerecht und heilig und gut“ sind seine eigenen Worte; aus dem Gesetz lernen wir die Verabscheuungswürdigkeit der Sünde noch besser kennen; das Gesetz war so erhaben, dass kein gefallener Mensch es völlig zu halten vermochte, dass Christus dadurch, dass er es hielt, sich den verheißenen Lohn sicherte. Infolgedessen kann er unter dem Gnadenbund ewiges Leben und Glück als freie Gabe solchen anbieten, die nicht fähig sind, das Gesetz zu halten, aber durch Glauben seinen vollkommenen Gehorsam und seinen Opfertod als Deckung für ihre Unvollkommenheit annehmen und ihm auf dem Pfad der Gerechtigkeit nachzuwandeln suchen.

Einige der jüdischen Zeremonien wie das Fasten, die Beachtung der Neumonde, des Sabbats und des Sabbatjahres, die Feier der Feste, waren Vorbilder von geistigen Wahrheiten des Evangeliums-Zeitalters. Der Apostel zeigt deutlich, dass das Evangelium des Gnadenbundes das Halten dieser Zeremonien weder befiehlt noch verbietet; die einzigen Symbole, die uns das Evangelium zur Pflicht macht, sind die Wassertaufe und das Gedächtnismahl. – Kol. 2:16, 17; Luk. 22:19; Matth. 28:19

Einer dieser jüdischen Bräuche, die „Reinigung“, war es nun, den Paulus und seine vier Gefährten auf sich nahmen. (Apg. 21:20-26) Als Juden hatten sie ein Recht darauf, wenn sie wollten, nicht nur sich selbst Gott in Christo zu weihen, sondern auch das Vorbild dieser Reinigung zu wiederholen. Die vier Gefährten des Paulus fügten noch das Gelübde hinzu, sich vor dem Herrn und den Menschen durch Abschneiden ihrer Haare zu demütigen. Vermutlich waren diese vorbildlichen Maßnahmen mit einigen Kosten verbunden, die den Betrag dessen ausmachten, was jeder zum Unterhalt des Tempels beizusteuern verpflichtet war.

Niemals belehrte Paulus die Juden, sie seien frei vom Gesetz; im Gegenteil: er erklärte, dass das Gesetz Gewalt über einen jeden von ihnen habe, solange er lebe, dass aber, wenn ein Jude Christum annehme und „mit ihm sterbe“, dies der Macht des Gesetzes über ihn ein Ende und ihn selbst zu einem freien Menschen Gottes in Christo mache. (Röm. 7:1-4) Die Gläubigen aus den Nationen aber belehrte er, dass sie nie unter dem jüdischen Gesetzesbund gestanden hätten, dass also Versuche ihrerseits, durch Beobachtung jüdischer Bräuche das Gesetz zu halten, voraussetzen, dass sie auf jene Vorbilder, statt nur auf das Verdienst Christi ihr Vertrauen setzten, um errettet zu werden. Damit waren alle Apostel einverstanden. - Apg. 21:25; 15:20, 23-29

So sind wir also der Überzeugung, dass Gott sich der zwölf Apostel in wunderbarer Weise bediente, dass er sie zu fähigen Dienern der Wahrheit machte, dass er sie bei der Abfassung ihrer Schriften auf übernatürliche Weise leitete, so dass nichts wegfiel, was für den Menschen Gottes nützlich und notwendig war, so dass sie bei der Auswahl ihrer Worte mit einer Weisheit zu Werke gingen, von der sie selbst nichts wussten. Gott sei für die Beschaffung dieses festen Grundes unseres Glaubens gedankt.

Die Apostel nicht Herren über Gottes Erbteil

Sollen die Apostel in irgendeinem Sinne als die Herren der Herauswahl angesehen werden? Mit anderen Worten:

Als der Herr, das Haupt, von ihnen schied, nahm einer von ihnen da die Stelle des Hauptes ein? Oder bildeten sie ein zusammengesetztes Haupt mit der Aufgabe, die Zügel der Regierung zu ergreifen? Oder waren sie oder einige unter ihnen, was die Päpste in Rom zu sein beanspruchen - Stellvertreter Christi in der Kirche, die da ist sein Leib?

Auf solche Fragen antwortet Paulus mit einem deutlichen Nein, wenn er schreibt: „Da ist ein Leib“ und „ein Herr“ (Eph. 4:4, 5); welches daher auch die verhältnismäßige Wichtigkeit einzelner Glieder an diesem einen Leib sein mag, nur einer wird als Haupt anerkannt, nämlich der Herr Jesus. Dies lehrt auch der Herr selbst sehr deutlich, wenn er zu den Jüngern und dem versammelten Volk sagt: „Die Schriftgelehrten und die Pharisäer lieben ... von den Menschen Rabbi genannt zu werden. Ihr aber, lasst ihr euch nicht Rabbi nennen; denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder.“ (Matth. 23:1, 2, 6-8) Und an anderer Stelle sagt Jesus zu den Aposteln allein: „Ihr wisset, dass die, welche als Regenten der Nationen gelten, über dieselben herrschen, und ihre Großen Gewalt über sie üben. Aber also ist es nicht unter euch; sondern wer irgend unter euch groß werden will, soll euer Diener sein, und wer irgend von euch der erste sein will, soll aller Knecht sein. Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“ – Mark. 10:42-45

So haben wir denn auch keine Andeutung davon, dass die erste Kirche jemals die Apostel als ihre Herren angesehen hätte, oder dass die Apostel selbst sich eine solche Stellung angemaßt hätten. Ihr Gebaren war sehr verschieden von dem, was die Päpste später für ihr Recht auf Herrschaft hielten, und von den Anschauungen der hervorragendsten „Geistlichen“ der verschiedenen namenchristlichen Kirchen. Niemals z.B. nannte sich Petrus selbst bei dem ihm von den Päpsten zugedachten Titel „Fürst der Apostel“. Ebenso wenig gaben sich die Apostel überhaupt gegenseitig irgendwelche Titel oder ließen sich solche seitens der Herauswahl geben. Sie nannten sich einfach bei ihrem Namen oder setzten ein „Bruder“ davor, wie sie dies auch den anderen Heiligen gegenüber taten. (Apg. 9:17; 21:20; Röm. 16:23; 1. Kor. 7:15; 8:11; 2. Kor. 8:18; 2. Thess. 3:6, 15; Philemon 7, 16) Auch steht geschrieben, dass sogar der Herr selbst sich nicht schämt, sie alle „Brüder“ zu nennen (Hebr. 2:11), so weit entfernt ist er von einem Geltendmachen seiner doch tatsächlichen und als solche anerkannten Stellung als Herr und Meister.

Auch ging keiner dieser leitenden Diener der ersten Kirche im Priesterornate einher oder mit einem Kruzifix, einem Rosenkranz oder dergleichen in Händen, die Verehrung der Leute herausfordernd. Vielmehr hielten sie es gemäss den Worten des Herrn für eine Folge und ein Vorrecht ihrer hervorragenden Stellung, auch am meisten zu dienen. Als die Verfolgung in Jerusalem die dortige Versammlung zerstreute, blieben die Elf mutig in Jerusalem zurück, bereit, zu tun, was irgend zu tun sein würde, mit dem Gedanken daran, dass in dieser Prüfungszeit die Herauswahl während der Zeit der Zerstörung von den in Jerusalem Zurückgebliebenen Ermutigung und Hilfe erwarten würde. Wären auch sie geflohen, so hätte sich wohl der ganzen ersten Kirche ein Unbehagen, ja, ein lähmender Schrecken bemächtigt. Sie blieben auch, als Jakobus mit dem Schwert getötet, als Petrus ins Gefängnis geworfen und an zwei Soldaten gekettet worden war. (Apg. 12:1-6) Paulus und Silas ihrerseits ertrugen bei ihrem Dienst für die Wahrheit viele Streiche; sie wurden ins Gefängnis geworfen und ihre Füße in den Stock gelegt. Paulus ertrug überhaupt unsägliche Mühsale. - Apg. 16:23, 24; 2. Kor. 11:23-33

Sehen solche Menschen danach aus, als hätten sie die Herren gespielt? Bestimmt nicht!

Petrus ist in diesem Punkt sehr deutlich, wenn er den Ältesten rät, die Herde Gottes zu hüten. Er redet nicht von ihrer Herde, von ihren Leuten, von ihrer Kirche, wie viele „Geistliche“ heutzutage sagen, sondern er redet von der Herde Gottes. Tut es, sagt er, „nicht als Herrschende über ihre Besitztümer, sondern indem ihr Vorbilder der Herde seid“ - Vorbilder in Demut, Treue, Eifer und Gottseligkeit. (1. Petr. 5:1-3) Und Paulus seinerseits sagt: „Mich dünkt, dass Gott uns, die Apostel, als die Letzten dargestellt hat, wie zum Tode bestimmt; denn wir sind der Welt ein Schauspiel geworden, sowohl Engeln als Menschen. Wir sind Narren um Christi willen ... wir sind verachtet ... wir leiden sowohl Hunger als Durst und sind nackt und werden mit Fäusten geschlagen und haben keine bestimmte Wohnung und mühen uns ab, mit unseren eigenen Händen arbeitend. Geschmäht, segnen wir; verfolgt, dulden wir; gelästert, bitten wir, als Auskehricht der Welt sind wir geworden, ein Auswurf aller bis jetzt.“ (1. Kor. 4:9-13) Nicht wahr, das sieht in keiner Weise nach Herrschaft aus? Und einigen Brüdern widerstehend, die dem Anschein nach über Gottes Erbe zu herrschen suchten, sagt Paulus mit Ironie: „Schon seid ihr gesättigt, schon seid ihr reich geworden; ihr habt ohne uns geherrscht.“ Dann aber ernst werdend, rät er zum rechten Weg, zu dem Weg der Demut: „Ich bitte euch nun, seid meine Nachahmer! Dafür halte man uns: für Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes.“ - 1. Kor. 4:1, 8, 16

Und wiederum schreibt derselbe Apostel: „So wie wir von Gott bewährt worden sind, mit dem Evangelium betraut zu werden, also reden wir, nicht um Menschen zu gefallen, sondern Gott, der unsere Herzen prüft. Denn niemals sind wir mit einschmeichelnder Rede umgegangen, wie ihr wisset, noch mit einem Vorwand für Habsucht, Gott ist Zeuge; noch suchen wir Ehre von Menschen, weder von euch noch von anderen, wiewohl wir als Christi Apostel euch zur Last sein konnten; sondern wir sind in eurer Mitte zart gewesen, wie eine Amme ihre eigenen Kinder pflegt.“ (1. Thess. 2:7) Die Apostel veröffentlichten keine Bullen, taten niemanden in den Bann, sondern: „Gelästert, bitten wir“ (1. Kor. 4:13); und: „Ich bitte dich, mein echter Jochgenosse“ (Phil. 4:3); und: „Einen Ältesten fahre nicht hart an, sondern ermahne ihn.“ - 1. Tim. 5:1

Mit Recht schätzte die erste Kirche die Frömmigkeit und Überlegenheit der Apostel an Weisheit und Erkenntnis der geistlichen Dinge sehr hoch. Sie betrachtete sie als das, was sie tatsächlich waren, nämlich als vom Herrn besonders auserwählte Boten. Darum saß sie auch zu ihren Füssen und lernte. Doch taten dies die ersten Christen nicht gedanken- und kritiklos, sondern vielmehr in der Absicht, die Geister zu prüfen und ihr Zeugnis zu untersuchen. (1. Joh. 4:1; 1. Thess. 5:21; Jes. 8:20) Und die Apostel ermunterten sie bei ihrer Belehrung auch dazu; sie sahen diese Geistesrichtung gern, die nach einer Grundlage ihrer glorreichen Hoffnung forschte; sie waren bereit, auf solche Fragen zu antworten, „nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit (mit menschlichen Vermutungen), sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft“, auf dass der Glaube der Herauswahl „nicht beruhe auf Menschen-Weisheit, sondern auf Gottes-Kraft.“ (1. Kor. 2:4, 5) Sie bildeten nicht eine blinde und abergläubische Verehrung für sich selbst.

Von den Beröern lesen wir, dass sie waren „edler, als die in Thessalonich; sie nahmen mit aller Bereitwilligkeit das Wort auf, indem sie täglich die Schriften untersuchten, ob dies sich also verhielte.“ (Apg. 17:11) Stets bemühten sich die Apostel zu zeigen, dass die gute Botschaft, die sie verkündeten, die gleiche sei, wie die von den alten Propheten in dunklen Worten angekündigte, „welchen es geoffenbart wurde, dass sie nicht für sich selbst, sondern für euch die Dinge bedienten, die euch jetzt verkündigt worden sind durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist.“ (1. Petr. 1:10-12) Sie bemühten sich zu zeigen, dass ihre Botschaft gerade das Evangelium des Lebens und der Unsterblichkeit sei, das der Herr ans Licht gebracht hatte; und dass die größere Ausführlichkeit und Einzelheiten ihrer Botschaft dadurch möglich und mitteilbar geworden seien, dass der Heilige Geist sie anleitet, sei es auf natürliche Weise, sei es durch übernatürliche Mittel: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten.“ - Joh. 16:12, 13

Es war also durchaus am Platz, dass die Beröer die Schriften durchforschten, um zu sehen, ob das Zeugnis der Apostel mit dem des Gesetzes und der Propheten übereinstimmt, und auch das war recht, dass sie die Lehre des Herrn mit der Schrift verglichen. Unser Herr hat selbst dazu aufgefordert: „Erforschet die Schriften, ... sie sind es, die von mir zeugen.“ Das ganze göttliche Zeugnis muss übereinstimmen, sei es nun durch das Gesetz oder die Propheten, durch den Herrn oder die Apostel verkündigt. Seine vollständige Übereinstimmung ist der Beweis seiner göttlichen Eingebung. Dem Herrn sei Dank! Es stimmt überall, so dass die Schriften des Alten und Neuen Testamentes nach der Bezeichnung des Herrn selbst „die Harfe Gottes“ ausmachen. (Offb. 15:2) Die verschiedenen Zeugnisse des Gesetzes und der Propheten sind die verschiedenen Saiten jener Harfe; werden sie durch den Heiligen Geist, der in unseren Herzen wohnt, abgestimmt und mit dem Finger der aufrichtigen Diener und Forscher angeschlagen, so geben sie die herrlichsten Akkorde, die je ein sterbliches Ohr gehört hat. Gott sei gelobt für diese erhabene Melodie des „Liedes Moses und des Lammes“, das wir durch das Zeugnis der heiligen Apostel und Propheten, deren größter der Herr Jesus selbst ist, lernen!

Doch obwohl die Zeugnisse des Herrn und der Apostel mit dem des Gesetzes und der Propheten stimmen müssen, so müssen wir doch zu finden erwarten, dass sie neben dem Alten auch Neues bezeugen; darauf deuten die Propheten selbst hin. (Psalm 78:2; 5. Mose 18:15, 18; Dan. 12:9; Matth. 13:35, 52) So finden wir denn auch, dass sie nicht nur die verborgenen Wahrheiten der alten Weissagungen erschlossen, sondern auch neue, weitere Wahrheiten offenbarten.

Apostel, Propheten, Evangelisten, Lehrer

Nach den in der Namenchristenheit vorherrschenden Vorstellungen hätte der Herr für die Organisation der Herauswahl Vorschriften hinterlassen, die mit den von ihm verfolgten Zwecken unvereinbar wären, und von seinem Volk erwartet, dass es sich nach eigener Weisheit eine Organisation schaffe. So haben denn viele Köpfe mit vielen Sinnen mehr oder weniger straffe Organisationen geschaffen, so dass nun die Namenchristenheit der ganzen Welt nach verschiedenen Richtungen hin organisiert ist, und dies bald mit mehr, bald mit weniger Steifheit. Eine jede Organisation aber hält sich für besser als die übrigen. Das kommt aber von der unrichtigen, vernunftwidrigen Grundanschauung, als hätte Gott, der doch schon vor Grundlegung der Welt von dieser Neuen Schöpfung gewusst hat, in sträflicher Nachlässigkeit sein eigenes Volk ohne ein klares Verständnis seines Willens und ohne die diesem genau entsprechenden und zur Wohlfahrt der Neuen Schöpfung notwendigen Anleitungen gelassen.

Die Menschen neigen entweder zur Anarchie oder aber entgegengesetzt zu einer allzu festen Organisation. Die göttliche Weisheit vermeidet beide Extreme und bezeichnet für die Neue Schöpfung eine Organisation, die überaus einfach ist und jedem die größte Freiheit lässt. Die Schrift selbst ermahnt auch jeden einzelnen Christen: „Stehet nun fest in der Freiheit, mit welcher euch Christus freigemacht hat, und lasset euch nicht wiederum unter einem Joch der Knechtschaft halten.“ – Gal. 5:1

Um diese göttliche Anordnung klarzulegen, müssen wir uns jedoch auf das Studium des göttlichen Wortes beschränken und die Kirchengeschichte ganz unberücksichtigt lassen. Denn der zuvor verkündigte Abfall begann schon zu der Zeit der Apostel und machte nach deren Abscheiden sehr rasche Fortschritte, die nach wenigen Jahrhunderten zum Papsttum führten. Das Neue Testament soll unter Hinzufügung der Vorbilder des Gesetzes unsere einzige Quelle sein, doch müssen wir bei letzteren uns stets vor Augen halten, dass sie nicht nur Dinge des Evangeliums-Zeitalters, sondern auch solche des Tausendjahrreiches vorschatten. Zum Beispiel: Der Versöhnungstag schattete das Evangeliums-Zeitalter vor. An jenem Tag trug der Hohepriester nicht seine herrlichen Kleider, sondern nur das weiße Priesterkleid. Dies deutet an, dass während des Evangeliums-Zeitalters weder der Herr noch seine Herauswahl eine in den Augen der Menschen hervorragende Rolle zu spielen haben. Ihren Standpunkt, den der Gerechtigkeit, der Reinheit des Herzens (der Wünsche), schattet das weiße Kleid vor, das im Fall der Kirche die Gerechtigkeit unseres Herrn und Hauptes ist. Nach dem Versöhnungstag erst zog der Hohepriester seine herrlichen Kleider an, in denen er nun den herrlich gemachten Christus (Haupt und Leib) in seiner königlichen Würde, die er im Tausendjahrreich bekleiden soll, darstellte; das Haupt ist der Herr, der Leib sind seine Auserwählten, die herrlichen Kleider sind die großen Ehren, die der ganzen königlichen Priesterschaft zuteil werden sollen, wenn sie einmal erhöht ist. Die päpstliche Priesterschaft, die fälschlich beansprucht, dass die Herrschaft Christi durch Priesterherrschaft ausgeführt werde, dass die Päpste die Statthalter und die Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe die Kirche in Herrlichkeit und Macht darstellen, versucht, bürgerliche und religiöse Herrschaft über die Welt auszuüben und ahmt die Herrlichkeit und Würde der auserwählten Neuen Schöpfung durch das Tragen prächtiger Ornate nach. Die wahre königliche Priesterschaft indessen trägt nach wie vor nur das weiße Priesterkleid und harrt des wahren Herrn der Kirche, der die Seinen in Wahrheit und Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit kleiden wird, wenn einst das letzte Glied der Herauswahl seinen Anteil am Opferwerk vollendet haben wird.

Im Neuen Testament also müssen wir hauptsächlich nach der Organisation der Herauswahl in den Tagen ihrer Niedrigkeit und ihres Opferdienstes Umschau halten. Dass ihre Regeln nicht aneinander gereiht und nicht in Paragraphen abgeteilt sind, sollte uns nicht davon abhalten zu erwarten, dass das Nötige vollständig vorhanden ist. Wir müssen gegen verkehrte Vorstellungen ankämpfen und uns daran erinnern, dass der aus Söhnen Gottes bestehenden Herauswahl ein „vollkommenes Gesetz der Freiheit“ gegeben ist, weil die, die zu ihr gehören, nicht mehr Knechte sind, sondern Söhne, und als Söhne Gottes lernen müssen, von ihrer Freiheit als Kinder des Hauses richtigen Gebrauch zu machen und dadurch zu zeigen, dass sie dem Gebot und den Anforderungen der Liebe durchaus gehorsam sind und zu entsprechen suchen.

Der Apostel stellt uns ein Bild der Neuen Schöpfung vor das geistige Auge, das den ganzen Gegenstand klar macht. Dieses Bild ist der menschliche Körper. Das Haupt an ihm entspricht dem Herrn, die übrigen Körperteile stellen die Herauswahl dar. Im 12. Kapitel des 1. Korintherbriefes ist dies im einzelnen erläutert und uns einfach die Erklärung gegeben: „Gleichwie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich viele, ein Leib sind: also auch der Christus (eine Körperschaft, bestehend aus vielen Gliedern). Denn auch in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie.“ (Verse 12, 13) Weiter macht der Apostel darauf aufmerksam, dass das Wohlbefinden eines menschlichen Leibes auf dem einheitlichen Zusammenwirken aller Organe beruht. So ist es auch mit der Kirche, dem Leib Christi. Wenn ein Glied Schmerzen, Erniedrigung oder Ungnade leidet, so werden, gewollt oder ungewollt, alle Glieder beeinflusst, und wenn ein Glied besonders gesegnet, getröstet oder erfrischt wird, so werden dementsprechend alle die Segnung teilen. Er zeigt (Vers 23), dass wir versuchen, Schäden und Schwächen unseres natürlichen Körpers zu verbergen, sie zu lindern und zu beseitigen, und dass es so auch mit der Kirche, dem Leib Christi, sein sollte: Die verletzten Glieder sollten um so reichlicher gepflegt und mit dem Mantel der Liebe zugedeckt werden, auf dass keine Spaltung in dem Leibe sei, sondern die Glieder „dieselbe Sorge füreinander haben möchten“ (Vers 25), für die geringsten wie für die am meisten begünstigten Brüder.

Demgemäss ist die Organisation, die